Ein Liebesbrief an die 90er mit Ecken und Kanten: Songs of Conquest im Test
Songs of Conquest ist die lang ersehnte spirituelle Fortsetzung von Heroes of Might and Magic III, die den Charme alter Klassiker mit moderner Pixel-Art und taktischer Tiefe vereint. Doch trotz des nostalgischen Glanzes offenbart das Spiel in der Kampagne und beim Balancing einige Schwächen.
Es gibt diese Spiele, bei denen man schon nach wenigen Minuten das Gefühl hat, man würde in eine Zeitmaschine steigen. Songs of Conquest ist genau so ein Titel. Als das schwedische Studio Lavapotion das Projekt ankündigte, war die Skepsis groß: Kann man den Geist von Heroes of Might and Magic III wirklich einfangen, ohne dabei nur eine billige Kopie zu produzieren? Nach dem offiziellen Release 2024 lässt sich sagen: Ja, das ist gelungen – aber es ist kein perfektes Meisterwerk.
Die Magie der Nostalgie
Das Erste, was bei Songs of Conquest ins Auge sticht, ist die Grafik. Wir reden hier nicht von einem simplen Retro-Look, sondern von einer hochmodernen Interpretation von Pixel-Art. Die Einheiten, die Gebäude und die Weltkarte wirken wie aus einem Gemälde, das durch dynamische Beleuchtung und Partikeleffekte zum Leben erweckt wurde. Wenn man eine Stadt ausbaut, fühlt sich das nicht nur wie ein Menü-Klick an, sondern wie der Aufbau eines kleinen, lebendigen Königreichs.
Das Gameplay bleibt dem klassischen Formel-Prinzip treu: Ihr steuert eure Helden über eine Weltkarte, sammelt Ressourcen, rekrutiert Armeen und liefert euch in rundenbasierten Kämpfen auf hexagonalen Feldern taktische Gefechte. Das funktioniert auch heute noch hervorragend. Besonders das Magiesystem, das auf der „Essenz“ basiert, die eure Einheiten im Kampf generieren, ist ein genialer Kniff. Anstatt nur auf Mana-Punkte zu warten, müsst ihr eure Truppen so positionieren, dass sie die richtige Essenz-Art für eure mächtigen Zaubersprüche liefern. Das macht jede Schlacht zu einem kleinen Puzzle.
Wo das Licht ist, ist auch Schatten
Doch wo viel Licht ist, da ist auch Schatten. Die größte Schwäche von Songs of Conquest liegt in seiner Erzählweise. Die Kampagnen sind zwar umfangreich und bieten unterschiedliche Perspektiven auf die Welt von Aerth, aber die Geschichte selbst fühlt sich oft wie Beiwerk an. Die Dialoge wirken hölzern, die Charaktere bleiben blass, und man ertappt sich dabei, die Textboxen schnell wegklicken zu wollen, um endlich wieder zum strategischen Teil des Spiels zurückzukehren. Hier hätte eine etwas stärkere narrative Führung dem Spiel gutgetan.
Ein weiterer Punkt, der kritische Strategen stören dürfte, ist die KI. Während sie im Kampf durchaus in der Lage ist, den Spieler zu überraschen, wirkt sie auf der Weltkarte oft überfordert. In vielen Fällen wartet die KI passiv in ihrer Burg, anstatt aktiv Ressourcen zu sichern oder den Spieler unter Druck zu setzen. Das nimmt den Partien im Singleplayer-Modus leider oft die Spannung, sobald man erst einmal eine kritische Masse an Einheiten erreicht hat. Man fühlt sich dann eher wie ein Aufräumer, der die Karte säubert, anstatt wie ein Stratege, der gegen einen ebenbürtigen Gegner antritt.
Balancing und Langzeitmotivation
Auch beim Balancing der vier Fraktionen – Arleon, Rana, Loth und Barya – gibt es noch Luft nach oben. Während die Fraktionen optisch und spielerisch wunderbar differenziert sind, kristallisieren sich im Multiplayer-Modus bereits klare Favoriten heraus. Manche Einheiten-Kombinationen wirken schlicht effizienter als andere, was die taktische Vielfalt in kompetitiven Matches aktuell noch etwas einschränkt. Die Entwickler sind zwar sehr aktiv und liefern regelmäßig Patches, aber bis hier ein wirklich stabiles Gleichgewicht herrscht, wird wohl noch einige Zeit vergehen.
Trotz dieser Kritikpunkte ist Songs of Conquest ein fantastisches Spiel. Es schafft etwas, das nur wenigen Titeln gelingt: Es nimmt die Essenz eines Genres, das in den letzten Jahren fast in Vergessenheit geraten war, und poliert es so auf, dass es sich frisch und modern anfühlt. Der Editor für eigene Karten und Kampagnen ist zudem ein mächtiges Werkzeug, das die Community bereits jetzt mit Inhalten füllt, die den Wiederspielwert massiv erhöhen.
Fazit
Songs of Conquest ist ein Pflichtkauf für alle, die mit Heroes of Might and Magic aufgewachsen sind. Es ist ein Spiel, das man abends startet, um „nur kurz eine Burg auszubauen“, und plötzlich ist es drei Uhr morgens. Es ist nicht perfekt – die Story ist schwach, die KI könnte cleverer sein und das Balancing braucht noch Feinschliff –, aber es ist mit so viel Liebe zum Detail und handwerklichem Geschick gemacht, dass man ihm diese Fehler gerne verzeiht. Wer rundenbasierte Strategie liebt, kommt an diesem Titel in diesem Jahr nicht vorbei. Es ist kein Meilenstein, der das Genre neu erfindet, aber es ist eine wunderschöne Hommage, die zeigt, dass klassische Tugenden auch 2024 noch verdammt viel Spaß machen können.
+ PRO
- +Wunderschöne, detailverliebte Pixel-Art, die moderne Beleuchtungseffekte perfekt nutzt.
- +Tiefgreifendes, motivierendes Kampfsystem mit Fokus auf Einheiten-Synergien und Magie.
- +Exzellenter Soundtrack, der sofort das „Nur noch eine Runde“-Gefühl der 90er heraufbeschwört.
- CONTRA
- -Die Kampagnen-Erzählung wirkt oft hölzern und wenig mitreißend.
- -Das Balancing der Fraktionen ist im Multiplayer noch nicht ganz ausgereift.
- -Die KI verhält sich auf der Weltkarte teilweise ineffizient und passiv.
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