Ein letzter Gruß an einen Visionär
Ubisoft-CEO Yves Guillemot hat sich in einer emotionalen Mitteilung zum Tod seines Bruders und Firmenmitgründers Claude Guillemot geäußert. Der Mann, der das Unternehmen 1986 gemeinsam mit Yves und den Brüdern Christian, Gérard und Michel aus der Taufe hob, starb im Alter von 77 Jahren. Die Familie Guillemot begann als kleiner Spieleverlag in einem Dorf in der Bretagne, die erste Niederlassung lag in einem ehemaligen Hühnerstall. Claude war der Kreativkopf hinter den frühen Titeln: Er trieb die Entwicklung von Zombi (1986) und Runaway (1988) voran, noch bevor Michel Ancel 1995 mit Rayman den ersten globalen Erfolg landete.
„Unser Glaube, dass großartige Spiele von talentierten Menschen geschaffen werden, die mit Vertrauen, Neugier und Respekt zusammenarbeiten, verdankt sich zu einem großen Teil dem Beispiel, das Claude jeden Tag gab“, so Yves Guillemot in einem Statement, das Kotaku veröffentlichte. Die Botschaft fällt in eine Zeit, in der Ubisoft intern mit Führungsdebatten kämpft, die Vorwürfe toxischer Arbeitskultur der Jahre 2020/21 haben das Image des Publishers beschädigt. Clauses Tod erinnert an eine Ära, in der die Firma noch keine Börsennotierung (1996) und keine 20.000 Mitarbeiter hatte.
Menschlichkeit vor Geschäftszahlen
Claude Guillemot sei nicht nur als Mitgründer eine Säule gewesen. Yves betont: Seine Menschlichkeit beeinflusste das Unternehmen genauso stark wie seine Vision. Diese Haltung spiegelt sich in der Arbeitskultur wider, die Ubisoft über Jahrzehnte aufbaute. Konkret bedeutete das: Teams wie jene hinter Prince of Persia: The Sands of Time (2003) bekamen zwei Jahre Entwicklungszeit, obwohl der Publisher damals kaum Geld hatte. Claude setzte sich persönlich dafür ein, dass Künstler eigene Ideen vorstellen durften, das UbiArt Framework (etwa für Rayman Origins, 2011) entstand aus solchen Freiräumen.
- Vertrauen in kreative Teams: Keine strikten Meilensteine, sondern monatliche Spielsessions
- Neugier auf neue Ideen: Assassin's Creed startete 2007 als Risk-Projekt, nachdem Patentrechte an Prince of Persia blockiert waren
- Respekt für die Menschen: Claude Guillemot weigerte sich, Mitarbeiter zu entlassen, selbst während der Finanzkrise 2008/09
Während die Spieleindustrie oft von Margen und Release-Fenstern dominiert wird, erinnert der Nachruf daran, dass Firmenwerte mehr sein können als PR-Phrasen. Claude Guillemot lebte diese Werte vor. Ein Beispiel: Als Far Cry 2 (2008) wegen seines experimentellen Gameplays intern auf Widerstand stieß, stimmte Claude für den Release, das Spiel verkaufte sich 2,9 Millionen Mal, aber vor allem beeinflusste es Open-World-Designs der folgenden Dekade.
Ein Erbe, das weit über Assassin's Creed hinausreicht
Ubisoft hat unter der Führung der Brüder Meilensteine wie Rayman, Prince of Persia: The Sands of Time und Assassin's Creed erschaffen. Die Assassin's-Creed-Reihe allein hat über 200 Millionen Einheiten verkauft. Doch der wichtigste Beitrag von Claude mag unsichtbar sein, die Unternehmenskultur, die Risiken erlaubt und Teamwork belohnt. Anders als bei Konzernen wie Electronic Arts oder Activision Blizzard, die ihre Studios häufig umstrukturieren, hielt Ubisoft an erworbenen Teams fest: Ubisoft Montreal (gegründet 1997) wuchs von 50 auf über 4.000 Mitarbeiter, ohne jemals geschlossen zu werden. Branchenkenner führen dies auf die brüderliche Führungsstruktur zurück, in der Claude als Stimme der Produktion fungierte.
Yves Guillemot schließt mit den Worten: „Sein Beispiel prägt uns jeden Tag.“ Für ein Studio, das immer wieder zwischen Blockbuster-Druck und kreativer Freiheit balanciert, ist das kein kleiner Satz. Ubisoft arbeitet derzeit an Assassin's Creed Codename Red, Star Wars Outlaws und dem dritten Teil der Beyond Good & Evil-Reihe. Claude Guillemot bleibt in den Pixeln und den Herzen derer, die bei Ubisoft arbeiten, und in einer Firmenhistorie, die ohne seine Zurückhaltung und seinen Blick fürs Handwerk wohl ganz anders aussehen würde.