Die vergessene Ära der Discs
Sony veröffentlichte in den 1990er Jahren eine Reihe von Titeln für MS-DOS und Windows, lange bevor das Unternehmen mit der PlayStation den Fokus fast ausschließlich auf die eigene Hardware legte. Die Strategie umfasste Portierungen von Arcade-Umsetzungen und Eigenentwicklungen, die in großen Pappkartons in den Regalen von Einzelhändlern standen.
Die CD-ROM fungierte damals als technisches Versprechen, da sie im Vergleich zu Disketten eine deutlich größere Speicherkapazität für vorgerenderte Videosequenzen und hochwertige Musik-Tracks bot. Unternehmen wie Psygnosis, die 1993 von Sony aufgekauft wurden, trieben diese physische Veröffentlichungspolitik maßgeblich voran.
Sony und der PC: Eine andere Zeit
Das Portfolio von Sony auf dem PC umfasste Titel wie Destruction Derby, Wipeout und Lemmings. Diese Spiele wurden über die Sony Imagesoft-Sparte oder direkt durch Psygnosis vertrieben, um die installierte Basis an PC-Besitzern zu erschließen.
- Destruction Derby (1995) bot eine für damalige Verhältnisse realistische Schadensphysik, die auf dem PC mit Grafikbeschleunigern der ersten Generation (wie der 3dfx Voodoo) glänzte.
- Wipeout (1995) etablierte sich durch seinen futuristischen Soundtrack von CoLD SToRAGE und Design-Elementen des Büros The Designers Republic als Kultmarke.
- Lemmings-Reihen, ursprünglich von DMA Design entwickelt, wurden durch Sony-Distributionsverträge auf zahlreichen PC-Systemen verbreitet.
Die Werbekampagnen in Magazinen wie PC Player oder Power Play nutzten oft ganzseitige Artworks, die die technische Überlegenheit der CD-ROM gegenüber dem Modul-Format der Konkurrenz propagierten. Der Verkaufspreis lag bei diesen PC-Versionen oft zwischen 89 und 129 D-Mark.
Was die Archive verraten
Die Archive zeigen, dass Sony mit Psygnosis eine interne Entwickler-Schmiede besaß, die den PC als primäre Entwicklungsplattform nutzte, bevor die Portierung auf die PlayStation erfolgte. Psygnosis hatte zuvor durch Titel wie Shadow of the Beast auf dem Amiga einen Ruf für exzellente audiovisuelle Präsentation erworben.
Der finanzielle Druck wuchs durch die Hardware-Kriege der 32-Bit-Ära, was dazu führte, dass Sony die PC-Veröffentlichungen ab Ende der 1990er Jahre drastisch reduzierte. Während die Konsolensparte durch den Erfolg der PlayStation (über 100 Millionen verkaufte Einheiten) dominierte, verschwanden die PC-Großboxen aus den Regalen.
- Colony Wars (1997) war eines der letzten großen Projekte, das noch eine nennenswerte Präsenz im PC-Handel anstrebte.
- Die Umstellung auf digitale Vertriebsplattformen war zu diesem Zeitpunkt noch kein Thema, weshalb der physische Handel die einzige Einnahmequelle blieb.
- Konkurrenten wie Electronic Arts setzten bereits damals auf eine parallele Strategie, die PC und Konsole gleichwertig behandelte, während Sony die Plattform-Exklusivität später als primäres Verkaufsargument für die Hardware nutzte.
Ein Blick in die Vergangenheit
Diese Vermarktungsstrategie endete abrupt, als die PlayStation 2 mit ihrem integrierten DVD-Laufwerk zum zentralen Medium für Sonys Unterhaltungsstrategie wurde. Die PC-Portierungen von Titeln wie Gran Turismo oder Metal Gear Solid blieben in dieser Ära die Ausnahme oder wurden von Drittanbietern wie Konami übernommen.
Heute existiert mit dem PlayStation PC-Label eine neue Abteilung, die den PC wieder als Absatzmarkt für ehemalige Konsolen-Exklusivtitel nutzt, jedoch ohne den physischen Fokus der 90er Jahre. Die damaligen Anzeigen in Hochglanzmagazinen sind heute Sammlerobjekte, die an eine Zeit erinnern, in der ein PC-Spiel noch ein physisches Produkt mit Handbuch und Datenträger in einer Box war. Die letzte große Anzeigenkampagne für ein Sony-PC-Spiel in einem deutschen Printmagazin fand etwa zeitgleich mit der Einstellung der Psygnosis-Marke im Jahr 2000 statt.