Ein vergessener Kinoperle
„Last Night“ aus dem Jahr 1998 ist ein kanadischer Film, der bei seiner Veröffentlichung kaum Beachtung fand. Polygon nennt ihn jetzt „einen der besten Filme, die ihr wahrscheinlich nicht gesehen habt“.
Seit Kurzem ist er auf Amazon Prime Video verfügbar, und das ist eine echte Entdeckung für alle, die Endzeitstimmung lieben.
Die Handlung ist simpel, aber ungewöhnlich: Eine Gruppe von Menschen in Toronto erlebt die letzten sechs Stunden vor dem garantierten Weltuntergang. Niemand weiß, warum die Welt endet, es gibt keine Monster, keine Explosionen, keine Helden.
Was macht „Last Night“ so besonders?
- Der Film verzichtet auf Action und Effekthascherei. Stattdessen zeigt er, wie ganz normale Menschen mit der Gewissheit des Endes umgehen.
- Einige feiern ausgelassene Partys, andere suchen Vergebung, ein junger Mann will einfach nur sein erstes Mal erleben.
- Die Stimmung ist bitter-süß, melancholisch und überraschend humorvoll, eine Mischung, die selten gelingt.
Regisseur Don McKellar (der auch die Hauptrolle spielt) schafft eine intime, fast dokumentarische Atmosphäre. Das Drehbuch wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Preis der Jury beim Cannes Film Festival (Kamera d‘Or).
Warum dieser Film gerade jetzt relevant ist
In einer Zeit, in der Spiele wie Fallout oder The Last of Us die Popkultur dominieren, tut ein ruhiger Gegenentwurf gut.
„Last Night“ zeigt den Weltuntergang nicht als Abenteuerspielplatz, sondern als persönliche Abrechnung mit dem, was wir im Leben wichtig finden.
- Keine Zombies, keine Aliens, keine Regierungsverschwörungen.
- Der Fokus liegt auf Dialog, Beziehungen und den kleinen, echten Gesten.
- Der Soundtrack (u.a. mit einem Piano-Stück von Dave Brubeck) unterstreicht die resignierte Schönheit.
Für Retro-Fans: Der Look und das Tempo sind extrem 90er-Jahre-Indie, staubige Farben, analoge Wärme, keine CGI-Bombast.
Ein Film, den Gamer lieben werden
Viele Endzeit-Spiele setzen auf Überlebenskampf und Ressourcenmanagement. „Last Night“ tut das Gegenteil: Hier gibt es kein Morgen, also auch keinen Grund zu kämpfen.
Das ist eine philosophische Perspektive, die in der Videospielwelt selten vorkommt, aber genau deshalb nachdenklich macht.
Polygon empfiehlt den Film uneingeschränkt. Wer Prime Video hat und Lust auf eine Stunde 36 Minuten stille, bewegende Apokalypse hat, sollte zugreifen. Mehr als einen Regentag braucht es nicht, um dieses Juwel zu genießen.
Produktion und Hintergrund
Produziert wurde „Last Night“ von Rhombus Media, einem kanadischen Studio, das für künstlerisch ambitionierte Filme bekannt ist. Gründer Niv Fichman hatte zuvor „The Red Violin“ (Oscar für beste Filmmusik) und „The Sweet Hereafter“ (Atom Egoyan) realisiert. Das Budget betrug rund 1,5 Millionen Kanadische Dollar, gedreht wurde in 28 Tagen in Toronto. Don McKellar, zuvor Schauspieler in „Exotica“ und Koautor von „The Red Violin“, gab hier sein Regiedebüt. Die Besetzung versammelte spätere Größen: Sandra Oh (später „Grey’s Anatomy“), Callum Keith Rennie („Battlestar Galactica“) und die junge Sarah Polley, die später selbst Regie führte („Away from Her“). McKellar spielte selbst die Hauptrolle Patrick, einen Mann, der sich in seine letzte Nacht zurückzieht.
Rezeption und filmhistorischer Ort
Bei der Premiere in Cannes 1998 erhielt der Film eine lobende Erwähnung der Camera d’Or (Jurypreis für das beste Debüt) und gewann in Kanada vier Genie Awards (heute Canadian Screen Awards): Bester Film, Bestes Drehbuch, Bester Hauptdarsteller (McKellar) und Beste Nebendarstellerin (Sarah Polley). Das Einspielergebnis in Kanada war mit rund 500.000 CAD bescheiden, ein typisches Schicksal für Independent-Kino außerhalb der Blockbuster-Saison, in der „Armageddon“ und „Deep Impact“ die Kinos dominierten. „Last Night“ gilt heute als Blaupause für das Subgenre der ruhigen Apokalypse, die später Filme wie „Melancholia“ (2011) oder „Seeking a Friend for the End of the World“ (2012) inspirierte. In der Spielewelt finden sich Parallelen zu Titeln wie „The Long Dark“ oder „Everybody’s Gone to the Rapture“, Werke, die Endzeit nicht als Action-Kulisse, sondern als existenziellen Raum nutzen.