Samstage der Erkenntnis
Samstage sind dafür da, zu realisieren, dass es ASMR-Playlists für Frictional Games‘ Amnesia-Reihe gibt. Kein Scherz. Menschen kuratieren Zusammenstellungen von Knack- und Kratzgeräuschen, die eigentlich den fortschreitenden Wahnsinn der Spielfiguren untermalen sollen.
Die Quelle spricht von subliminal crackling noises und Shepard-Tönen, akustischen Illusionen, die den Eindruck erwecken, ein lebensrettender Generator laufe gleich leer. Genau das wird jetzt zum Einschlafen oder Konzentrieren angeboten.
Was die Playlists bieten
- Shepard-Töne erzeugen ein ewiges Gefühl des Abwärtsgleitens.
- Kratzgeräusche wie von tausend Ghul-Krallen auf einer Tafel.
- Dazu metallischer Hall, flüsternde Texturen, purer Amnesia-Sound.
Die Playlists sind auf Plattformen wie YouTube und Spotify verfügbar. Wer dachte, Horror-Sounddesign tauge nur zum Fürchten, irrt. Es funktioniert offenbar auch als seltsam beruhigender Sog.
Studio Frictional Games
Der Entwickler hinter der Amnesia-Reihe ist Frictional Games, ein schwedisches Studio aus Helsingborg. Gegründet 2006 von den Brüdern Thomas und Jens Grip sowie dem Programmierer Tom Jubert, begann die Firma mit Penumbra (2007–2008), einer dreiteiligen Horror-Serie, die Physik-Rätsel mit einer dichten Atmosphäre verband. Das erste Amnesia: The Dark Descent (2010) verkaufte sich über 4,5 Millionen Mal und definierte den Psychohorror neu: Der Spieler hat keine Waffen, muss fliehen und sich verstecken, während der Wahnsinn langsam die Wahrnehmung zersetzt. Der Soundtrack von Mikko Tarmia trug maßgeblich zur beklemmenden Wirkung bei, genau diese Klänge werden nun für ASMR zweckentfremdet.
Die Sucht des Redakteurs
Besonders die Rebirth-Playlist hat es mir angetan. Ich kann nicht erklären, warum das Geräusch eines knarzenden Stuhls im Wind so gut mit einer Schüssel Müsli harmoniert. Aber es tut es.
Es ist zu spät für mich, fürchte ich. Ich höre die Klänge jetzt sogar beim Schreiben dieses Artikels. Die Frage „Was stimmt mit euch Leuten nicht?“ dreht sich um, und endet bei mir selbst.
Kontext: Horror-ASMR und vergleichbare Releases
Das Phänomen ist nicht neu. Seit 2015 gibt es auf YouTube Kanäle, die Silent Hill-Regengeräusche oder die knarrenden Schritte aus Resident Evil als Einschlafhilfe anbieten, der Kanal „ASMR Underground“ hat Tausende Abonnenten mit solchen Remixen. Branchenweit zeigen Verkaufszahlen, dass Horror-Soundtracks längst ein eigenes Genre auf Streaming-Plattformen bilden. The Dark Descent allein spielte über 20 Millionen Dollar ein, während Amnesia: Rebirth (2020) und Amnesia: The Bunker (2023) die Serie mit neuen Sound-Konzepten fortsetzten. Der Shepard-Ton, der in Rebirth als akustische Täuschung den Genervorrat simuliert, wird nun als Loop mit über zwei Millionen Aufrufen auf YouTube gehört.
Der Rest des Teams
Was die anderen Redakteure am Wochenende zocken, bleibt ihr Geheimnis. Nach der ASMR-Entdeckung waren die Meinungen geteilt: einige fanden es absurd, andere neugierig.
Wer jetzt noch einen ruhigen Horror-Soundtrack braucht, weiß, wo er suchen muss. Amnesia: Rebirth und Amnesia: The Bunker laufen natürlich auch ohne Playlist. Aber der pure Sound ist vielleicht das eigentliche Meisterwerk.
Zahlen und Hintergründe der Serie
Seit 2010 hat Frictional Games sechs Spiele in der Amnesia-Reihe veröffentlicht, darunter die Spin-offs A Machine for Pigs (2013, entwickelt von The Chinese Room) und den Free-to-Play-Titel Amnesia: Fortsetzung. Die Sounddesign-Arbeit von Frictional gilt als technisch wegweisend: Jede Oberfläche in The Bunker erzeugt eigene Resonanz, und jede Monster-Annäherung wird über einen dynamischen Mix aus räumlichem Hall und Sub-Bass orchestriert. Dass ausgerechnet diese Klänge ASMR-artig wirken, liegt an den natürlichen Frequenzen, Kratzen und Knacken liegen im Bereich sogenannter „unbestimmter Geräusche“, die das Gehirn als beruhigend einstuft, weil sie keine Gefahr signalisieren, so eine Studie der University of Sheffield.