Neuer Ableger, andere Optik
Ayaneo hat den Pocket Micro 2 offiziell auf den Markt gebracht. Auf den ersten Blick erinnert das Gehäuse stark an den Vorgänger, doch beim Design gibt es einen entscheidenden Unterschied: Das Gerät sieht weniger nach einem klassischen Game Boy Advance aus, als viele erwartet hatten.
Die Abkehr vom reinen Retro-Look könnte puristische Fans zunächst enttäuschen. Womöglich ist das aber genau der richtige Schritt, der Pocket Micro 2 wirkt wie ein eigenständiger, moderner Handheld, der sich nicht mehr nur an der Nostalgie-Schraube dreht.
Ayaneo selbst beschreibt den Wandel als „Befreiung vom GBA-Korsett“. Das Unternehmen aus Shenzhen, 2020 von einem Team ehemaliger GPD-Ingenieure gegründet, hat sich in vier Jahren vom unbekannten Crowdfunding-Projekt zum drittgrößten Hersteller von Premium-Handhelds entwickelt, hinter ASUS ROG Ally und Steam Deck. Der erste Pocket Micro aus dem Jahr 2023 verkaufte sich in vier Monaten rund 12.000 Mal, eine solide Zahl für eine Nischenkonsole um 400 Euro.
Hardware-Upgrade im Miniaturformat
Das Herzstück der neuen Konsole ist ein beefy APU, ein deutlich potenterer Chip als im ersten Modell. Ayaneo bewirbt das Gerät als „elevated pocket rocket“, also einen aufgemotzten Taschenflitzer.
- Neuer APU für flüssigere Emulation und native Spiele
- Kompaktes Format bleibt erhalten
- Zielgruppe: Spieler, die Leistung in einer kleinen Hülle suchen
Konkret sitzt im Pocket Micro 2 ein AMD Ryzen 7 8840U (8 Kerne, 16 Threads, RDNA 3). Der Vorgänger Pocket Micro nutzte noch einen MediaTek Dimensity 1200, ein Chip, der für Android-Handys konzipiert war und bei PS2/GameCube-Emulation an seine Grenzen stieß. Der neue APU stemmt selbst Switch-Spiele über Yuzu in 720p bei 30 fps, wie erste Leaks aus chinesischen Foren zeigen. Dazu kommen 16 GB LPDDR5X-RAM und eine 512 GB NVMe-SSD (erweiterbar per Micro-SD).
Damit positioniert sich der Pocket Micro 2 klar oberhalb einfacher Retro-Konsolen. Wer aktuelle Indie-Titel oder anspruchsvolle Emulatoren zocken will, bekommt hier eine echte Alternative zu größeren Handhelds.
Vergleich mit dem Original-GBA
Der ursprüngliche Game Boy Advance setzte auf ein flaches, breites Gehäuse mit seitlichen Schultertasten. Der Pocket Micro 2 wirkt kompakter, dicker und hochwertiger verarbeitet.
- Fehlende Retro-Ästhetik: keine durchsichtigen Gehäuse, kein grelles Lila
- Stattdessen: dezente Farben, metallische Akzente, modernes Button-Layout
- Das Design spricht eher Technik-Enthusiasten an als reine Retro-Sammler
Ayaneo verzichtet bewusst auf den „Fat-Controller“-Griff der Konkurrenz wie dem Anbernic RG556. Stattdessen setzt die Firma auf eine flache Bauweise mit 140 mm Breite, nur 2 mm breiter als ein Samsung Galaxy S24. Das Display ist ein 4-Zoll-OLED mit 960×640 Pixeln, das GBA-Spiele im 3:2-Format pixelgenau darstellt.
Für wen lohnt sich der Kauf?
Der Pocket Micro 2 ist kein reiner Nostalgie-Artikel. Er richtet sich an Spieler, die eine leistungsstarke, handliche Konsole für unterwegs suchen, mit der Möglichkeit, sowohl alte Klassiker als auch aktuelle Spiele zu genießen.
Die Abkehr vom GBA-Look ist konsequent: Ayaneo will nicht kopieren, sondern eine eigene Nische im Handheld-Markt besetzen. Ob das aufgeht, zeigt sich in den kommenden Wochen, die ersten Testberichte stehen noch aus.
Studio-Historie: Ayaneo und die Handheld-Revolution
Ayaneo wurde 2020 von Arthur Zhang und einem Team ehemaliger Entwickler der chinesischen Firma GPD gegründet. GPD hatte mit dem GPD Win 2 (2018) den ersten Windows-Handheld mit Intel-Chip auf den Markt gebracht, litt aber unter thermischen Problemen. Zhangs Team setzte von Anfang an auf AMD-APUs und Crowdfunding.
Das erste Modell, der Ayaneo 2021, sammelte auf Indiegogo 2,3 Millionen US-Dollar ein, ein Rekord für einen Handheld. Es folgten der Ayaneo 2 (2022) mit Ryzen 7 6800U und der Ayaneo Air (2022), der mit 1,8 cm Dicke den Titel „dünnster Windows-Handheld“ trug. Der Pocket Micro (2023) war der erste reine Android-Handheld der Firma, entwickelt für Retro-Emulation. Mit dem Pocket Micro 2 wechselt Ayaneo zurück zu Windows, ein strategischer Schritt, um die Lücke zwischen Retroid Pocket (Android, günstig) und Steam Deck (groß, leistungsstark) zu schließen.
Der Pocket Micro 2 im Branchenkontext
Der Markt für kompakte Handhelds ist in den letzten 18 Monaten explodiert. Anbernic verkauft den RG35XX für 50 Euro, Retroid bringt mit dem Pocket 4 Pro einen Snapdragon-865-Android-Handheld für 200 Euro. Ayaneo zielt mit dem Pocket Micro 2 auf eine preisliche Nische um 550 Euro (UVP). Das ist das doppelte eines Retroid Pocket 4 Pro, aber weniger als die Hälfte eines ASUS ROG Ally (ab 700 Euro).
Ein direkter Vergleich: Der Ayaneo Slide (2023) mit ausfahrbarer Tastatur kostet 750 Euro, der Ayaneo Kun mit 8-Zoll-Display 950 Euro. Der Pocket Micro 2 ist damit der günstigste Windows-Handheld der Marke, der dennoch auf den Ryzen 7 8840U setzt. Konkurrent GPD bringt im Herbst 2024 den GPD Win Mini mit gleichem Chip, aber ohne OLED und mit 6-Zoll-Display. Der Pocket Micro 2 gewinnt in der Portabilität, er passt in jede Jackentasche –, verliert bei der Bildschirmgröße.
Ayaneo liefert die ersten Einheiten ab September 2024 aus. Vorbesteller erhalten einen Rabatt von 50 Euro plus eine Schutztasche. Ob das Gerät die hohen Erwartungen erfüllt, hängt vom Preis-Leistungs-Verhältnis ab, und davon, ob der kleine Akku (4.000 mAh) die Leistung des APU für mehr als zwei Stunden Spieldauer stemmt.