Der Fund: Ein 360-Emulator unter der Haube
Dataminer haben den Code von Microsofts neuem Xbox-Emulator für den PC durchforstet. Das Ergebnis: Die Software ist kein reiner Xbox-Original-Emulator, sondern kann auch Xbox-360-Spiele ausführen.
Die Analyse, zuerst von Kotaku aufgegriffen, zeigt, dass der Emulator interne Bibliotheken und Routinen enthält, die spezifisch für die Xbox-360-Architektur sind. Microsoft selbst hat diese Funktion nie offiziell erwähnt.
Wer den Emulator entwickelt hat
Das verantwortliche Team ist Microsofts Xbox Compatibility Group, gegründet 2015 unter Leitung von Peggy Lo. Dieselbe Gruppe brachte die Abwärtskompatibilität auf die Xbox One (über 600 Xbox-360-Titel) und später die FPS-Boost-Funktion für Series X/S. Sie arbeiteten eng mit dem Hypervisor-Team zusammen, um 360-Spiele in einer virtualisierten Umgebung auszuführen, eine Technik, die nun offenbar auf den PC portiert wurde.
Vor dem Emulatorprojekt war die Gruppe für die Xbox 360-Eingabehilfen zuständig. Sie entwickelten die Controller-Konfiguration für remasterte Titel wie Halo: The Master Chief Collection (2014). Der PC-Emulator könnte auf diesen Arbeiten aufbauen.
Bisher bekannt: Keine offizielle Bestätigung
- Der Emulator wurde ursprünglich für Xbox-Original-Titel wie Halo: Combat Evolved oder Fable beworben.
- Dataminer fanden jedoch Codenamen und Metadaten, die auf Xbox-360-Kompatibilität hindeuten.
- Microsoft hat sich zu den Funden nicht geäußert. Es gibt kein Statement, kein Release-Datum und keine Liste unterstützter Spiele.
Die Community spekuliert nun, ob der Konzern die Funktion still und heimlich testet, oder ob es sich um einen Überrest aus früheren Entwicklungsphasen handelt.
Technische Hürden und Parallelen zu Xenia
Die Xbox 360 verwendete eine PowerPC-CPU (IBM Xenon, 3,2 GHz) und eine ATI Xenos-GPU. Auf x86-PCs erfordert Emulation dynamische Rekompilierung und GPU-abhängige Übersetzung. Der Drittanbieter-Emulator Xenia, seit 2013 in Entwicklung, erreicht auf moderner Hardware oft 30–60 FPS, hat aber Lücken bei Shader-Kompilierung und Audio.
Microsofts Lösung könnte diese Probleme umgehen: Dataminer fanden DirectX-12- und Vulkan-Routinen im Code, die hardwarenahe Optimierung erlauben. Zudem hat Microsoft Zugriff auf die originalen SDK- und API-Dokumentationen der Xbox 360, Xenia musste alles per Reverse Engineering nachbauen. Ein offizieller Emulator wäre nicht nur stabiler, sondern auch rechtlich abgesichert.
Was das für PC-Gamer bedeuten könnte
Sollte Microsoft die 360-Emulation freischalten, würde das die kompatible Spielebibliothek auf dem PC schlagartig erweitern. Titel wie Gears of War 2, Forza Motorsport 4 oder Alan Wake wären dann nativ auf Windows lauffähig, ohne Umwege über Cloud-Streaming oder Drittanbieter-Emulatoren.
Allerdings: Ohne offizielle Ankündigung bleibt alles Spekulation. Gamern, die jetzt auf eine schnelle Lösung hoffen, sei Geduld angeraten. Dataminer-Funde sind keine Versprechen.
Marktpotenzial und fehlende PC-Ports
Von den rund 1.200 Xbox-360-Spielen haben nur etwa 200 einen nativen PC-Port erhalten. Viele Exklusivtitel wie Fable 2 (2008), Lost Odyssey (2007) oder Blue Dragon (2006) sind bis heute an die Konsole gebunden. Ein PC-Emulator würde den digitalen Verkauf dieser Titel im Microsoft Store ermöglichen, ähnlich wie auf der Series X/S, wo über 632 360-Spiele spielbar sind (Stand 2023).
Die wirtschaftliche Seite: Microsoft verdient an jedem digitalen Verkauf von 360-Spielen über den Store. Für Publisher wie Square Enix (Lost Odyssey) oder Mistwalker (Blue Dragon) wäre das ein neuer Erlösstrom, ohne Portierungskosten.
Ein unerwarteter Twist in der Abwärtskompatibilität
Microsofts Strategie für Abwärtskompatibilität war bisher zweigeteilt: Auf der Xbox Series X/S laufen hunderte 360-Spiele per Emulation, auf dem PC gab es nur die wenigen, direkt portierten Titel. Ein integrierter 360-Emulator wäre ein massiver Schritt, und einer, den niemand auf dem Radar hatte.
Die Frage bleibt, ob Microsoft den Fund bestätigt oder die Funktion für sich behält. Bis dahin ist klar: Der Emulator kann mehr, als man auf den ersten Blick sieht.