Ein ungewöhnlicher Weg zum Ruhm
Vor Enslaved: Odyssey to the West kannte man Ninja Theory vor allem durch das stylische Heavenly Sword (2007). Das Studio wurde 2000 von Tameem Antoniades, Nina Kristensen und Mike Ball in Cambridge gegründet. Heavenly Sword, exklusiv für PlayStation 3 entwickelt, verkaufte sich rund 1,5 Millionen Mal und etablierte den Fokus auf Motion-Capture und cineastische Inszenierung, ein teures Alleinstellungsmerkmal für ein damaliges AA-Team mit weniger als 100 Mitarbeitern.
Mit der Adaption des klassischen chinesischen Romans „Die Reise nach Westen“ katapultierte sich das Studio in eine andere Liga. Das Spiel erschien im Oktober 2010 für PlayStation 3 und Xbox 360, mitten in der Hochphase der Uncharted-Serie. Uncharted 2: Among Thieves war ein Jahr zuvor erschienen und hatte den Standard für lineare Third-Person-Action gesetzt. Die Parallelen waren offensichtlich: spektakuläre Klettereinlagen, eine cineastische Inszenierung und ein Fokus auf Charakterdrama.
Trotz eines Metascores von 80 (PS3) und 82 (Xbox 360) blieb Enslaved kommerziell hinter den Erwartungen. Namco Bandai, der Publisher, gab keine offiziellen Verkaufszahlen bekannt, Analysten schätzen etwa 700.000 bis 800.000 Einheiten. Das Budget lag bei rund 15 Millionen US-Dollar, inklusive Marketing. Ein klarer Verlust für das Studio, aber kein Beinbruch: Ninja Theory sicherte sich danach den Auftrag für DmC: Devil May Cry.
Die Kunst der Adaption
Die Zusammenfassung der Quelle nennt Ninja Theory „born storytellers“, und das zeigt sich in der Art, wie sie den über 400 Jahre alten Stoff modernisierten. Statt Mönch und Affenkönig gibt es einen postapokalyptischen Schauplatz mit Monkey (gespielt von Andy Serkis) und der jungen Trip. Serkis, bekannt als Gollum aus „Der Herr der Ringe“, lieferte nicht nur die Stimme, sondern auch die Motion-Capture-Performance, eine damals noch seltene Investition in Charakterdarstellung. Sein Honorar lag Berichten zufolge im sechsstelligen Bereich.
Die Geschichte dreht sich um eine erzwungene Partnerschaft: Trip zwingt Monkey mit einem Kopfband zum Gehorsam. Diese Dynamik trägt das gesamte Spiel. Die Inszenierung war für ein AA-Spiel außergewöhnlich dicht, Kamerafahrten, Zwischensequenzen und Dialoge fühlten sich an wie ein interaktiver Film. Ninja Theory verwendete die Unreal Engine 3, die zuvor in Heavenly Sword für stilisierte Cutscenes optimiert worden war.
Ein besonderes Detail: Die Entwickler ließen sich von Sergio-Leone-Western inspirieren, nicht von chinesischen Martial-Arts-Filmen. Die postapokalyptische Welt zeigt verlassene Hochhäuser und verwilderte Parkanlagen, eine Ästhetik, die später in The Last of Us (2013) ähnlich aufgegriffen wurde. Trip ist keine passive Begleiterin, sondern hackt sich aktiv durch feindliche Technik und steuert eine Drohne, die Gegner betäuben kann.
Gameplay zwischen Kletterei und Kämpfen
Enslaved setzt auf eine Mischung aus Plattform-Passagen und direkten Kämpfen mit einem Stab. Monkey kann sich elegant durch Ruinen schwingen, während Trip mit ihrer Drohne aus der Ferne unterstützt. Das Kampfsystem ist einfacher als in Uncharted, aber rhythmisch und befriedigend. Es erinnert an God of War (2005), bietet aber weniger Kombos. Stattdessen setzt das Spiel auf Konter und Ausweichmanöver.
- Die Level sind linear, aber abwechslungsreich: überwucherte Hochhäuser, unterirdische Tunnel, offene Schluchten.
- Ein Schwachpunkt: Die KI von Trip neigt manchmal dazu, in Deckung steckenzubleiben, ein kleiner Makel in einer sonst runden Erfahrung.
- Die Spielzeit beträgt etwa 8 bis 10 Stunden. Einige Abschnitte sind als Schleichpassagen konzipiert, in denen Trip vor Feinden versteckt werden muss.
Der Vergleich mit Naughty Dogs Abenteuern war damals nicht unverdient. Enslaved hatte den gleichen Blockbuster-Anspruch, aber eine ganz eigene, melancholische Seele. Ein Unterschied: Während Nathan Drake fast unverwundbar wirkt, kämpft Monkey sichtbar ums Überleben, seine Animationen zeigen Erschöpfung, seine Rüstung nutzt sich ab. Das Kopfband-System sorgt für Momente der Spannung: Wenn Monkey sich zu weit von Trip entfernt, wird er durch Stromstöße bestraft.
Warum Enslaved heute noch relevant ist
Das Spiel markierte den Wendepunkt für Ninja Theory. Nach Enslaved folgte DmC: Devil May Cry (2013), ein umstrittener Neustart, der kommerziell erfolgreich war. 2017 gelang mit Hellblade: Senua’s Sacrifice der endgültige Durchbruch, ein Spiel, das für unter 10 Millionen Dollar produziert wurde und über 1 Million Einheiten verkaufte. Microsoft übernahm das Studio 2018 für eine nicht genannte Summe.
Enslaved selbst erhielt 2010 mehrere Auszeichnungen, darunter einen BAFTA-Nominierung für „Best Game“. Das DLC Pigsy’s Perfect 10 (2011) bietet eine eigenständige Kampagne mit einem neuen Charakter und etwa vier Stunden Spielzeit. Wer heute zurückblickt, sieht ein Spiel, das sich nicht vor der Uncharted-Reihe verstecken muss. Es hat eine eigene Identität, und beweist, dass eine gute Geschichte auch ohne Millionenbudget funktioniert. Die finale Konfrontation in einem brennenden Frachter bleibt visuell eindrucksvoller als manche Sequenz in Uncharted 3, das ein Jahr später erschien.