Rettung durch das Gesetz
Arkane Studios in Lyon wurde vorerst von der großen Entlassungswelle bei Xbox verschont, dank des französischen Arbeitsrechts. Dieses Gesetz verlangt umfangreiche Sozialpläne und langwierige Verhandlungen mit Betriebsräten, bevor Massenentlassungen durchgeführt werden können.
Für ein Unternehmen wie Microsoft, das weltweit Tausende Stellen streicht, bedeutet das: Arkane kann nicht einfach über Nacht geschlossen werden. Das verschafft dem Studio eine wertvolle Atempause.
Frühere Fälle zeigen, wie stabil dieser Schutz ist. 2023 scheiterte der Versuch von Atos (IT-Dienstleister), in Frankreich 2.000 Stellen zu streichen, am Widerstand des Comité Social et Économique. Microsoft müsste ähnliche Hürden nehmen, um Arkane Lyon aufzulösen, ein Prozess, der sechs bis zwölf Monate dauern kann.
Die traurige Wahrheit
Trotz dieser Atempause ist die Lage alles andere als rosig. Arkane war bekannt für seine kreativen First-Person-Titel, doch die kommerziellen Erfolge blieben oft hinter den Erwartungen zurück.
Die letzten Veröffentlichungen des Studios fanden bei Kritikern wenig Anklang und enttäuschten die Erwartungen. Seitdem steht das Studio unter massivem Druck, sich finanziell zu rechtfertigen. Die aktuelle „Verschonung“ ist nur ein Aufschub, keine Lösung.
Konkret: Redfall (2023) erreichte bei Metacritic einen Wert von 54 (PC) und verkaufte sich nach Schätzungen unter 500.000 Einheiten. Deathloop (2021) kam auf 88 Punkte, aber die Verkaufszahlen blieben mit etwa 2 Millionen hinter den Erwartungen von Publisher Bethesda. Arkane Lyon produzierte zuletzt kein Spiel, das die Entwicklungskosten deutlich übertroffen hätte.
Ein Hoffnungsschimmer
In der Community wächst derweil die Sehnsucht nach einem unabhängigen Arkane. Viele Fans träumen von einem Studio, das wieder kleine, eigenwillige Projekte umsetzen kann, ohne den Druck eines Mega-Publishers im Nacken.
Die Idee: Arkane könnte sich von Microsoft lösen, ähnlich wie andere Entwickler vor ihnen. Ein solcher Schritt wäre riskant, aber vielleicht die einzige Chance, die kreative Seele des Studios zu retten.
Allerdings besitzt Arkane keine eigenen IPs. Dishonored, Prey, Deathloop und Redfall liegen bei Microsoft. Ein Ausstieg würde bedeuten, dass das Studio einen komplett neuen Titel ohne Markenbekanntheit entwickeln müsste, ohne garantierte Finanzierung.
Studio-Historie und Veröffentlichungen
Arkane Studios wurde 1999 von Raphaël Colantonio in Lyon gegründet. Das Team brachte zuvor Erfahrung von Infogrames und Ubi Soft mit. Ihr Debüt Arx Fatalis (2002) war ein First-Person-Rollenspiel mit physikbasierten Rätseln, das nur rund 100.000 Mal verkauft wurde.
Der Durchbruch gelang mit Dishonored (2012). Das Spiel verkaufte über 5 Millionen Exemplare, gewann mehrere Game Awards und begründete das Genre des „Steampunk-Immersive-Sim“. Dishonored 2 (2016) erreichte 3 Millionen Verkäufe. Prey (2017), ein Reboot des Klassikers von 2006, gilt als kritisches Meisterwerk (84 Punkte), verkaufte sich aber nur 2 Millionen Mal.
Deathloop (2021) gewann den BAFTA für Best Game. Dennoch blieb der kommerzielle Erfolg hinter dem von Dishonored zurück. Der Tiefpunkt war Redfall (2023), das nach einer langen Entwicklung als Koop-Shooter veröffentlicht wurde, mit katastrophalen technischen Problemen und veraltetem Gameplay.
Branchenkontext: Microsofts Kahlschlag
Im Januar 2024 strich Microsoft 1.900 Stellen in der Spiele-Sparte, vor allem bei Activision Blizzard. Im Mai folgte die Schließung von vier Studios: Tango Gameworks (Tokio), Arkane Austin (Entwickler von Redfall), Alpha Dog Games und Roundhouse Studios. Insgesamt wurden rund 2.500 Stellen abgebaut.
Die Begründung lautete „Neustrukturierung nach der Übernahme von Activision Blizzard“. Tatsächlich war Microsofts Sparte nach dem Kauf im Oktober 2023 mit über 30.000 Mitarbeitern aufgebläht. Die Sparmaßnahmen trafen gezielt Studios mit schwachen Umsätzen oder unklarer strategischer Ausrichtung.
- Tango Gameworks hatte mit Hi-Fi Rush (2023) einen Überraschungserfolg, wurde trotzdem geschlossen. Microsoft gab keine spezifischen Gründe.
- Arkane Lyon blieb verschont, obwohl es finanziell weniger erfolgreich war als Arkane Austin. Der Unterschied: Frankreichs Arbeitsrecht.
Die Paradoxie der französischen Regulierung
Frankreichs Code du Travail verpflichtet Unternehmen bei Massenentlassungen zu einem Sozialplan, der Abfindungen, Umschulungen und längere Kündigungsfristen vorsieht. Zudem muss das Comité Social et Économique (Betriebsrat) konsultiert werden, ein Prozess, den Microsoft bisher nicht eingeleitet hat.
Dieser Schutz ist zweischneidig. Potenzielle Käufer wie Embracer Group oder Tencent müssten alle bestehenden Verträge übernehmen, inklusive der teuren Sozialpläne. Das senkt den Kaufpreis und schreckt Investoren ab.
Ein Vergleich: Das französische Studio Dontnod (Life is Strange) stand nach schwachen Verkäufen 2022 vor ähnlichen Herausforderungen. Es rettete sich durch eine Kapitalerhöhung und mehrere Kooperationen, aber ohne Eigentümerwechsel. Arkane hingegen hängt vollständig von Microsofts Finanzspritzen ab.