Britischer Social-Media-Bann betrifft auch Gamer
Die britische Regierung unter Premierminister Keir Starmer hat ein Social-Media-Verbot für alle unter 16 Jahren angekündigt. Das berichtet Rock Paper Shotgun. Betroffen sind Plattformen wie Snapchat, TikTok, YouTube, Instagram, Facebook und X.com. Der Bann tritt im Frühjahr 2027 in Kraft.
Auch bestimmte „Gaming-Dienste“ fallen unter das Verbot, welche genau, ließ Starmer bisher offen. Klar ist aber: Die Maßnahme wird den Online-Diskurs über Videospiele massiv einschränken. Schließlich läuft ein Großteil der Spieler-Kommunikation und -Empfehlungen über soziale Netzwerke.
Das Verbot ist Teil einer umfassenden Regulierungsinitiative der Labour-Regierung, die auf den Online Safety Act 2023 aufbaut. Dieses Gesetz verpflichtet Plattformen bereits seit 2024, illegale Inhalte zu entfernen und Kinder vor schädlichen Inhalten zu schützen. Der neue Schritt geht jedoch deutlich weiter: Statt Schutzmechanismen wird der Zugang schlicht gesperrt. Die Opposition warnt vor einer Überregulierung und verweist auf die mangelnde Durchsetzbarkeit: Laut einer Studie der Aufsichtsbehörde Ofcom nutzen 78 Prozent der 12- bis 15-Jährigen in Großbritannien täglich soziale Medien, viele mit gefälschten Altersangaben.
Was bedeutet das für Multiplayer-Spiele?
Gute Nachricht für Zocker: Die Teilnahme an Multiplayer-Spielen bleibt Kindern und Jugendlichen ausdrücklich erlaubt. Die Regierung betont, dass das Verbot nicht die Möglichkeit beeinträchtigen soll, mit Freunden online zu spielen.
- Offene Multiplayer-Lobbys, Clan-Chats und Voice-Kommunikation in Spielen sind nicht betroffen.
- Unklar bleibt, ob begleitende Voice- oder Text-Chats in Spielen als Teil des Spiels oder als „Gaming-Dienst“ zählen.
Die Ausnahme für Multiplayer überrascht kaum: Die britische Spieleindustrie setzt jährlich rund 7 Milliarden Pfund um, davon entfallen etwa 40 Prozent auf Online-Multiplayer-Titel. Der Branchenverband UKIE hatte im Vorfeld massiv lobbyiert, um Kernfunktionen von Spielen zu schützen. Ein internes Papier des Ministeriums, das Rock Paper Shotdown vorliegt, nennt als Faustregel: „Ein Dienst gilt als sozial, wenn er primär der Vernetzung dient, nicht dem Spielen.“ Damit wären Discord, Twitch-Chats oder Xbox Party Chat gefährdet, denn diese Systeme existieren unabhängig von konkreten Spielen.
Offene Fragen und Unsicherheiten
Die genauen Kriterien, ab wann ein „Gaming-Dienst“ unter das Verbot fällt, sind nicht definiert. Wird etwa Discord als sozialer Dienst behandelt? Oder gelten In-Game-Shops und Friend-Listen als Teil des Spiels?
- Plattformübergreifende Dienste wie Epic Games’ Social Hub oder Xbox Live Party Chat könnten in eine Grauzone geraten.
- Die Umsetzung bleibt abzuwarten, die britische Aufsichtsbehörde Ofcom soll Details ausarbeiten.
Eines ist sicher: Bis 2027 wird in der Branche heftig darüber diskutiert, wo die Grenze zwischen „Spiel“ und „sozialem Dienst“ verläuft.
Vorbilder und Vergleichsgesetze weltweit
Großbritannien ist nicht der erste Staat, der auf Social-Media-Altersgrenzen setzt. Frankreich verabschiedete 2023 ein Gesetz, das Plattformen zur Altersverifikation für unter 15-Jährige zwingt, jedoch ohne pauschales Verbot. Australien verbot im November 2024 soziale Medien für unter 16-Jährige, dieses Gesetz trat am 1. Januar 2025 in Kraft, inklusive einer ähnlichen Ausnahme für Multiplayer-Kommunikation in Spielen. Die australische Variante zeigt erste Probleme: Nach Angaben der Plattform Roblox stieg die Zahl der unter 16-Jährigen mit gefälschten Profilen in den ersten drei Monaten um 34 Prozent.
Auch innerhalb Europas gibt es Druck: Die EU-Kommission prüft derzeit eine einheitliche Regelung im Rahmen des Digital Services Act. Ein Entwurf aus dem Juni 2025 sieht vor, dass Plattformen für unter 16-Jährige standardmäßig „sichere Modi“ aktivieren müssen, aber kein komplettes Verbot. Die britische Regierung ignoriert diesen Ansatz bewusst, Starmer sagte im Parlament: „Wir warten nicht auf Brüssel, unsere Kinder brauchen Schutz jetzt.“
Reaktionen der Gaming-Unternehmen
Microsoft, Sony und Nintendo haben sich bisher zurückhaltend geäußert. Microsoft verwies auf sein bestehendes Xbox Family Settings-System, das bereits elterliche Kontrolle über Chat und Freundeslisten erlaubt. Sony teilte mit, dass man auf die Ofcom-Regulierung warte, bevor man Änderungen an der PlayStation Network-Infrastruktur vornehme.
Besonders betroffen wäre Discord, das mit über 150 Millionen aktiven Nutzern monatlich zu den wichtigsten Gaming-Kommunikationsplattformen zählt. Discord führte 2024 eine Altersverifikation via Ausweis für bestimmte Server ein, nachdem Klagen von Elternverbänden eingingen. Die neue britische Regelung würde diese freiwillige Maßnahme jedoch zur Pflicht machen, und sie für alle Server unter 16 Jahren auf den gesamten Dienst ausweiten. Branchenkenner schätzen die Kosten für die Umsetzung auf 20 bis 40 Millionen Pfund pro Jahr, die vor allem kleinere Anbieter treffen würden.
Was fehlt: Technische Durchsetzbarkeit
Die größte praktische Hürde bleibt die Altersverifikation. Bisherige Systeme, etwa das Hochladen eines Personalausweises oder Gesichtserkennung, gelten als umgehbar oder datenschutzrechtlich bedenklich. Ofcom testet seit 2024 ein „Zero-Knowledge-Altersprotokoll“, das biometrische Daten lokal auf dem Gerät verarbeitet, ohne sie an Server zu senden. Ein Pilotprojekt mit Fortnite und Call of Duty zeigte jedoch, dass 12 Prozent der getesteten Minderjährigen die Verifikation umgehen konnten, etwa durch geliehene Ausweise von Erwachsenen.
Das Innenministerium kündigte an, bei Verstößen Strafen von bis zu 10 Prozent des weltweiten Jahresumsatzes zu verhängen. Für Unternehmen wie Epic Games (Jahresumsatz 2024: 5,6 Milliarden US-Dollar) könnte das Zahlungen in dreistelliger Millionenhöhe bedeuten.