Ein verzweifelter Schrei aus der Redaktion
Der Kolumnist von Kotaku hat die Nase voll. „I Wish Big Corporations Would Leave The Lord Of The Rings Alone Already (They Won’t)“ ist die unmissverständliche Überschrift, und die Botschaft dahinter: Hört auf, aus Tolkiens Welt immer neue „hochwertige Unterhaltungsprodukte“ zu pressen.
Sein Rat an die Branche: Geht ein Buch lesen, statt jede noch so kleine Nische des Franchise auszuschlachten.
Die Köpfe hinter den jüngsten Flops
Daedalic Entertainment entwickelte „The Lord of the Rings: Gollum“. Das Hamburger Studio war zuvor für erzählerische Point-and-Click-Adventures wie „Deponia“ (2012) bekannt, das sich über eine Million Mal verkaufte. Der Wechsel zu AAA-Gaming misslang: Gollum erhielt auf Metacritic eine Wertung von 34 von 100 und führte zur Schließung der Spieleentwicklungssparte. Free Range Games, Macher von „Return to Moria“, hatten vorher nur mobile Titel wie „The Walking Dead: Road to Survival“ veröffentlicht. Ihr Survival-Crafting-Spiel verkaufte sich nach Branchenschätzungen lediglich knapp 300.000 Exemplare in den ersten drei Monaten. Weta Workshop, bekannt für Filmrequisiten, wagte mit „Tales of the Shire“ den Schritt zum Entwickler. Das Cosy-Game erreichte auf Steam nur 62 % positive Bewertungen und versandete schnell.
Die traurige Bilanz der letzten Jahre
- „The Lord of the Rings: Gollum“ (2023) wurde von Presse und Spielern gleichermaßen verrissen.
- „Return to Moria“ (2023) verkaufte sich mau und verschwand schnell aus der Diskussion.
- Sogar das ambitionierte „Tales of the Shire“ (2024) konnte keine Begeisterung entfachen.
Nur wenige Titel wie „Shadow of Mordor“ (2014) oder „Shadow of War“ (2017) zeigten, dass aus Mittelerde gute Spiele entstehen können, aber das war vor fast einem Jahrzehnt.
Die glanzvollen Vorgänger der 2000er
Vor dem aktuellen Niedergang lieferte Electronic Arts zwischen 2002 und 2006 eine Reihe kommerziell erfolgreicher LOTR-Spiele. „The Lord of the Rings: The Two Towers“ (2002) und „The Return of the King“ (2003) verkauften sich zusammen über 12 Millionen Mal, begünstigt durch den Hype der Kinofilme. „The Battle for Middle-earth“ (2004) und sein Nachfolger (2006) setzten Maßstäbe im Echtzeitstrategie-Genre, verkauften jeweils rund 1,5 Millionen Einheiten. Monolith Productions, das später „Shadow of Mordor“ entwickelte, hatte zuvor mit „F.E.A.R.“ (2005) und „Condemned: Criminal Origins“ (2005) Erfolge gefeiert. Shadow of Mordor verkaufte sich über 6 Millionen Mal, sein Nachfolger „Shadow of War“ (2017) noch rund 3 Millionen, trotz Kritik an den Mikrotransaktionen. Seither hat Monolith kein weiteres LOTR-Spiel veröffentlicht.
Warum die Firmen nicht aufhören werden
Die Lizenzrechte liegen bei mächtigen Konzernen wie der Embracer Group und Warner Bros. Diese Firmen denken in Markenwerten, nicht in Kunst. Solange LOTR-Skins in „Fortnite“ und Minecraft-DLCs Geld bringen, wird weitergemacht.
Ein weiterer Mobile-Titel, ein Kartenspiel, ein Coop-Survival-Spiel, alles denkbar, alles bereits angekündigt oder in Produktion. Die Pipeline ist voll.
Der Lizenzdschungel und die Pipeline
Die Embracer Group erwarb 2022 für rund 1 Milliarde US-Dollar die Rechte an Tolkiens Werken, trennte sich jedoch 2024 von Teilen des Portfolios. Warner Bros. hält die Filmrechte und kontrolliert Spiele wie „Shadow of Mordor“. Amazon Games arbeitet seit 2019 an einem LOTR-MMO, das bis heute nicht angekündigt wurde. Parallel dazu erschien „The Lord of the Rings: Heroes of Middle-earth“ (2023, von EA und Capital Games), ein Mobile-Rollenspiel, das im ersten Monat 5 Millionen Dollar umsetzte. NetEase brachte „LOTR: Rise to War“ (2021) heraus, ein Strategiespiel mit über 10 Millionen Downloads. Allein diese beiden Mobile-Titel spülten den Lizenzgebern jährlich geschätzt 200 Millionen US-Dollar in die Kassen.
Ein letzter Appell
Vielleicht sollten sich Entwickler mal wieder J.R.R. Tolkiens Original-Romane zur Hand nehmen. Dort steckt die echte Tiefe, nicht in Executive-Orders oder Marktanalysen.
Solange aber die Kassen klingeln, wird Mittelerde weiter vermarktet. Der Kotaku-Artikel sagt es klar: „You won’t stop.“ Und er hat leider recht.