Tokio pumpt Millionen in Lokalisierung
Die japanische Regierung legt ein massives Subventionspaket für 15 große Anime- und Manga-Unternehmen auf. Ziel ist es, die Übersetzung japanischer Inhalte ins Englische und andere Sprachen per Künstlicher Intelligenz zu beschleunigen. Das Programm ist Teil eines 2023 vom Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie (METI) aufgesetzten Kreativwirtschaftsförderungsprojekts. Laut Haushaltsentwurf 2024 fließen aus dem „Cool Japan Fund“ umgerechnet 45 Millionen Euro in die erste Tranche.
Das Programm soll die internationalen Verkaufszahlen kräftig ankurbeln. Gleichzeitig erhofft sich Tokio einen wirksameren Schlag gegen die allgegenwärtige Piraterie, die vor allem bei digitalen Manga-Scans und gestreamten Anime-Episoden wütet. Die japanische Digital Content Association bezifferte den Umsatzverlust durch illegale Lesungen und Streams 2022 auf 1,5 Milliarden US-Dollar. Das entspricht knapp einem Fünftel des gesamten Anime-Exportwerts.
Wer profitiert von den Steuergeldern?
Zu den geförderten Firmen zählen bekannte Branchengrößen wie Kadokawa, Shueisha und Toei Animation. Laut Polygon soll die erste Tranche der Subventionen bereits im kommenden Geschäftsjahr ausgezahlt werden. Die Gelder fließen in den Aufbau eigener KI-Übersetzungs-Pipelines sowie in die Schulung von Sprachmodellen auf spezifische Anime- und Manga-Terminologie.
Die vollständige Liste umfasst 15 Unternehmen. Darunter finden sich Kodansha (Verlag von Attack on Titan), Aniplex (Produktion von Demon Slayer: Kimetsu no Yaiba) und Production I.G (Ghost in the Shell, Psycho-Pass). Die Auswahl traf der japanische Verband der Anime- und Manga-Produzenten (JAMP) nach Kriterien wie globaler Reichweite und bestehenden Lokalisierungsschwierigkeiten. Die genauere Höhe der Zuschüsse pro Firma ist noch nicht öffentlich. Klar ist aber, dass Japan mit diesem Schritt seine kulturelle Soft Power gezielt monetarisieren will.
KI-Übersetzungen: Segen oder Risiko für die Lokalisierung?
Bisher setzten westliche Lizenznehmer auf menschliche Übersetzer und Redakteure. Die staatliche Förderung könnte diesen Markt massiv verändern. Bereits 2022 testete Kadokawa auf seiner Plattform BookWalker eine KI-Übersetzung für Light Novels. Die Ergebnisse waren gemischt: Nutzer kritisierten inkonsistente Übersetzungen von Charakternamen und Titeln. Shueisha hingegen setzt bei seinem Dienst Manga Plus auf menschliche Übersetzer, die mit KI-gestützten Tools arbeiten, ein Hybridmodell, das die Firma seit 2019 nutzt.
- Befürworter argumentieren, dass schnellere Übersetzungen die Schere zwischen japanischer und internationaler Veröffentlichung schließen.
- Kritiker befürchten Qualitätseinbußen durch automatische Übersetzungen, gerade bei Slang, Wortspielen und kulturellen Referenzen.
Die Pirateriebekämpfung soll durch zeitgleiche, offizielle Mehrsprachen-Releases funktionieren: Wer den neuen Manga in Japan liest, soll per KI-Übersetzung noch am gleichen Tag die englische Fassung kaufen können. Ein Modell, das Shueisha bereits mit Manga Plus teilweise umsetzt, dort erscheinen aktuelle Kapitel von One Piece, Jujutsu Kaisen und My Hero Academia parallel auf Englisch, Spanisch und Portugiesisch, übersetzt von Menschen aber in Rekordzeit.
Historische Pirateriezahlen und Vorläufer
Japan kämpft seit Jahren gegen Scanlation-Gruppen und illegale Streams. 2019 erwirkte die Regierung die Sperrung von 20 großen Piraterie-Seiten, darunter MangaRock und AniTube. Dennoch blieb das Problem hartnäckig. Eine Studie des japanischen Urheberrechtsverbandes (JACR) von 2022 ergab, dass 65 Prozent aller Manga-Lesungen außerhalb Japans auf illegalen Plattformen stattfanden. Die Subvention zielt darauf ab, diese Zahl innerhalb von drei Jahren zu halbieren.
Die 15 geförderten Firmen haben bereits frühere, kleinere KI-Initiativen gestartet. Toei Animation nutzte 2021 eine KI zur automatischen Kolorierung alter Zellenanimationen für die HD-Remaster von Dragon Ball. Kadokawa ließ 2023 ein eigenes Sprachmodell auf dem japanischen Light-Novel-Korpus trainieren, das Namen magischer Kreaturen konsistent übersetzen soll. Keines dieser Projekte erreichte jedoch Marktreife, die Subvention soll den entscheidenden Schub geben.
Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt
Die japanische Übersetzer-Gilde (JAT) äußerte öffentlich Bedenken. In einer Stellungnahme vom Januar 2024 rechneten sie mit einem Abbau von 500 bis 700 Übersetzerstellen allein im Anime-Bereich, falls KI-Lösungen dominant werden. Derzeit beschäftigt die Branche in Japan etwa 2.000 feste und freie Übersetzer. Die Gewerkschaft forderte eine Begrenzung des KI-Einsatzes auf Rohübersetzungen, die anschließend von Menschen geprüft werden. METI zeigte sich offen für solche Auflagen, nannte aber keine konkreten Bedingungen.
Die Subventionen sind zunächst auf ein Jahr befristet. Sollte das Experiment die erhofften Umsatzsteigerungen bringen, könnten die Förderungen ausgeweitet werden. Die 15 Unternehmen sitzen an den Schalthebeln der globalen Anime- und Manga-Industrie. Sollten sie auf KI-Übersetzungen setzen, könnte das den gesamten Markt für Lokalisierung in den nächsten Jahren auf den Kopf stellen. Ob Fans die automatisch übersetzten Dialoge akzeptieren, wird sich erst nach den ersten Veröffentlichungen zeigen. Ein Blick auf die Reaktionen zu Netflix’ maschinell übersetzten Untertiteln für einzelne Anime-Serien wie „B: The Beginning“ (2018) deutet auf Skepsis hin: Die Nutzerbewertungen auf Plattformen wie MAL sanken durchschnittlich um 0,7 Punkte bei KI-Übersetzungen im Vergleich zu menschlichen Fassungen.