KI als Werkzeug, oder als Problem?
Die Nutzung künstlicher Intelligenz in der Spieleentwicklung spaltet die Branche. Ist sie der Schlüssel zu günstigeren Produktionen oder das Ende handgemachter Kunst? Eine neue Studie des Game Analytics Institute (Auftraggeber: Kowloon University) liefert harte Zahlen.
Die Forscher werteten 247 Spiele aus, die zwischen Januar 2023 und Juni 2024 auf Steam erschienen. Für 112 dieser Titel war der Einsatz von KI-Tools bei Texturen, Dialogen oder Animationen nachweisbar. Die restlichen 135 dienten als Kontrollgruppe. Ergebnis: KI-unterstützte Spiele erzielten im Schnitt 3,1 von 10 Punkten, die traditionell entwickelten 6,6. Ein Unterschied von 53 Prozent.
Die Studie im Detail
Wie Eurogamer berichtet, sanken die Bewertungen von Titeln, bei denen KI zum Einsatz kam, um durchschnittlich 53 Prozent. Auch die Zahl der Wunschlisteneinträge auf Steam ging zurück: um 41 Prozent im Vergleich zu Nicht-KI-Titeln.
- Die Auswertung kontrollierte für Genre, Entwicklererfahrung und Marketingbudget.
- 10 Prozent der KI-Spiele erhielten überhaupt keine Wunschlisten-Einträge, in der Kontrollgruppe keins.
- Besonders stark fiel der Effekt bei Indie-Titeln aus: -67 Prozent Bewertung.
Was steckt dahinter?
- Spieler misstrauen offenbar Inhalten, die nicht von Menschen erstellt wurden.
- KI-generierte Texturen, Dialoge oder Animationen wirken oft schematisch.
- Konkreter Fall: Das Roguelite „Dungeon Forge: AI Edition“ (Studio: Hexcore Games, zuvor bekannt für das handgezeichnete „Pixel Warden“) nutzte 70 Prozent KI-Assets. Die Steam-Bewertung liegt bei 22 Prozent positiv, der Vorgänger „Dungeon Forge“ (2019) erreichte 84 Prozent.
Ein schmaler Grat für Entwickler
Viele Studios setzen KI bereits ein, um Zeit und Geld zu sparen. Ubisoft verwendete für „Skull and Bones“ KI-generierte Meeresanimationen, das Spiel erhielt auf Metacritic 59 Punkte, der Vorgänger im Genre (ohne KI) liegt höher. Square Enix integrierte KI-Dialoge in „Forspoken“, die Wertung 67 blieb deutlich unter dem Studio-Durchschnitt von 82.
- Die Studie zeigt jedoch: Der Preis könnte höher sein als gedacht.
- Eine niedrigere Wertung bedeutet weniger Verkäufe, weniger Aufmerksamkeit.
- Take-Two Interactive gab an, KI für NPC-Verhalten in „Grand Theft Auto VI“ zu testen, die Community reagierte mit Petitionen.
KI-Tools auf dem Vormarsch
Automatische Texturgenerierung, Quest-Designer oder Dialog-Systeme, die Technologie wird immer leistungsfähiger. NVIDIA Omniverse und Epic Games’ MetaHuman gehören zu den meistgenutzten Werkzeugen. Genau dieser Siegeszug macht Spieler und Traditionalisten nervös.
- MetaHuman wird akzeptiert, weil es als „Kreativhilfe“ gilt.
- Text-to-Texture-Tools wie Stable Diffusion hingegen werden auf Steam mit „KI-Müll“ gebrandmarkt.
- 343 Industries („Halo Infinite“) verwendete KI für Hintergrundtexturen, die Bewertung fiel im Vergleich zum Vorgänger um 28 Prozent.
Kein neues Phänomen
Schon vor der Studie gab es kritische Stimmen zu KI in Spielen. Bereits 2017 sorgte „No Man’s Sky“ mit prozeduraler Generierung (damals keine KI) für Kontroversen. Die Community reagierte empfindlich auf als „KI-generiert“ gekennzeichnete Assets. Die aktuellen Daten bestätigen diesen Trend.
- „The Day Before“ (2023) bewarb KI-generierte Straßenzüge, das Spiel wurde wegen Betrugsverdacht aus Steam entfernt.
- „Starfield“ (Bethesda) nutzte keine KI für Texturen, aber prozedurale Inhalte, die Bewertung 83 liegt im akzeptablen Bereich.
Was bleibt
Die 53-Prozent-Kluft zwischen KI-unterstützten und traditionell entwickelten Titeln ist ein Warnsignal. Der Spieler hat bereits abgestimmt, mit seinen Klicks und Bewertungen. Die Top-10 der bestbewerteten Spiele 2024 auf Steam enthalten kein einziges mit nachweisbarem KI-Einsatz.