Bunker voller Widersprüche
Milliardäre bauen für den Weltuntergang, mit unterirdischen Anlagen, die an Luxushotels erinnern. Schwimmbäder, Weinkeller, Kunstsammlungen. Ein „elevated lifestyle no matter what happens outside“, wie es in der aktuellen Diskussion bei Rock Paper Shotgun heißt. Doch genau dieser Kontrast macht sie zu perfekten Horror-Settings. Die Diskrepanz zwischen sterilem Luxus und der Verwüstung darüber ist eine Goldgrube für Spieleentwickler.
Bereits 2016 veröffentlichte das britische Studio Wales Interactive den Live-Action-Titel The Bunker, ein FMV-Adventure, das in einem nuklearen Atombunker spielt. Der Protagonist lebt dort in steriler Monotonie, ohne jede Spur von Überfluss. Wales Interactive, bekannt für The Complex und Late Shift, konzentriert sich auf enge Räume und Entscheidungsdruck, aber der protzige Wohlstand fehlt. Auch das deutsche Indie-Team hinter Bunker, The Underground Game (2018, Entwickler: Looming) setzt auf rostige Stahlwände und knappe Ressourcen. Kein Schwimmbad, keine Klimakontrolle.
Was das Setting so stark macht
- Isolation: In einem begrenzten, abgeschotteten Raum entfalten sich Bedrohungen viel direkter. Kein Entkommen, nur enge Korridore und getarnte Bedienelemente.
- Klassenkonflikt: Das Personal gegen die Besitzer. Wer putzt die Marmorböden, wenn draußen die Welt brennt? Dieser soziale Sprengstoff gibt Horror eine politische Note.
- Technologische Hybris: Automatisierte Systeme, KI-gesteuerte Klimakontrolle, gentechnisch veränderte Nahrung, alles kann kippen. Der Bunker wird zum goldenen Käfig, der sich plötzlich in eine Falle verwandelt.
Bisher haben nur wenige Spiele diesen Cocktail konsequent genutzt. Fallouts Vaults zeigen die dystopische Seite von Bunkern, aber selten den protzigen Überfluss. We Happy Few spielt in einer abgeschotteten Stadt, nicht in einem privaten Bunker. Das Potenzial bleibt weitgehend brach.
Ein direkterer Vorgänger stammt von den kanadischen Entwicklern des Horror-Decks Phasmophobia (2020, Kinetic Games): In einem Update fügten sie eine Luxusvilla als Karte hinzu, die an einen Bunker grenzt, aber der Fokus liegt auf Geisterjagd, nicht auf sozialer Dynamik. Der preisgekrönte Indie-Titel Perception (2017, The Deep End Games) spielt in einem verlassenen Herrenhaus mit blindem Protagonisten, auf Klassenunterschiede wird nur angespielt, nie systematisch ausgebaut. The Last of Us Part II zeigt einmal das Anwesen eines Wohlhabenden, jedoch als lineares Kapitel ohne Bunkerlogik.
Der Horror des Überflusses
Ein Milliardärsbunker bietet mehr als nur Monsterjagd. Er bietet Psychohorror: die Langeweile jenseits der Notwendigkeit, der Zerfall sozialer Hierarchien, die Paranoia unter den Auserwählten. Wer schmeißt wen raus, wenn die Vorräte schrumpfen? Die Umgebung selbst kann zum Feind werden. Ein defekter Luftfilter, ein undichter Wassertank, ein KI-Butler, der plötzlich selbstherrlich wird. Alles inmitten von Samt und Chrom. Dieser spezifische Luxus-Horror ist noch zu selten.
Das polnische Studio Bloober Team, bekannt für Layers of Fear und Observer, hat mit Layers of Fear 2 eine luxuriöse Yacht als Schauplatz geschaffen, voller Samt, Kunstobjekte und versteckter Räume. Die psychologische Zersetzung der Besatzung steht im Vordergrund, aber der Bunker als geschlossener, technokratischer Raum fehlt. Dabei liefert die reale Geschichte Blaupausen: Der US-Milliardär Larry Ellison besitzt eine unterirdische Anlage auf Hawaii mit künstlicher Lagune und Golfplatz. Ein Horrorspiel, das diesen Ort nutzt, müsste nur vorhandene Architekturpläne kopieren. Die Firma Vivos vermarktet einen Komplex für 3.000 Menschen mit Spielcasino und Kino, inklusive Preisen ab 50.000 Dollar pro Kopf.
Warum das Genre nachlegt
Die Realität überholt die Fiktion. Immer mehr Milliardäre investieren in private Bunkerprojekte. Spiele, die diese Fantasie dekonstruieren, könnten genau den Nerv treffen, den aktuelle Horrortitel oft verfehlen. Ein Setting, das greifbar ist, weil es tatsächlich existiert, nur noch nicht im Spielschrank.
Laut einem Report der New York Times von 2023 haben mindestens ein Dutzend Milliardäre private Luxusbunker in den USA fertiggestellt oder bauen sie aus. Die Firma Rising S Company verkauft Fertigbunker ab 200.000 Dollar für die gehobene Mittelklasse. Das Studentenprojekt Bunker Punishment (2021, University of Utah) simulierte bereits einen Luxusbunker mit KI-gesteuerten Systemen, die nach und nach ausfallen, ein Keim, den kein kommerzielles Studio aufgriff. Bis heute existiert kein einziger Horrortitel, der einen Milliardärsbunker als zentralen Schauplatz nutzt.