Ein verkanntes Juwel aus den Neunzigern
1997 veröffentlichte MicroProse eine der ungewöhnlichsten Umsetzungen von Magic: The Gathering. Das Spiel fungierte als Einzelspieler-RPG, in dem der Spieler die Ebene Shandalar vor dem Dämon Arzakon bewahren musste.
MicroProse war zu diesem Zeitpunkt vor allem durch Simulationen wie Sid Meier’s Civilization, X-COM: UFO Defense und Master of Orion bekannt. Die Wahl von Magic: The Gathering als Basis für ein Rollenspiel war ein Wagnis, da das Studio zuvor kaum Erfahrung mit Fantasy-Kartenspielen besaß.
Das Spiel nutzte das vollständige Regelwerk der 4. Edition und der Ice Age-Erweiterung für sämtliche Kämpfe. Es kombinierte diese mechanische Strenge mit einer offenen Spielwelt, Städten und einer Quest-Struktur, die damals in diesem Genre selten war.
Shandalars Bedrohung
Fünf Magierfürsten wollen den Spell of Dominion wirken, um den Planeswalker-Dämon Arzakon auf die Ebene zu beschwören. Der Spieler startet mit einem rudimentären Deck und muss durch den Sieg über computergesteuerte Gegner neue Karten gewinnen.
Die Spielwelt von Shandalar war prozedural generiert, was den Wiederspielwert für die damalige Zeit enorm steigerte. Jeder Sieg gegen einen der Diener der Magierfürsten brachte wertvolle Ressourcen, während Niederlagen Karten aus dem Besitz des Spielers entfernten.
Das Design orientierte sich an den frühen Tagen des Sammelkartenspiels, als Wizards of the Coast die Regeln noch nicht für ein digitales Publikum gestrafft hatten. Die Komplexität der Interaktionen entsprach exakt dem analogen Vorbild, inklusive der damals berüchtigten "Stack"-Regeln.
Quests, Dungeons und die Power-9
- Questgeber belohnten den Spieler für Botengänge oder den Sieg gegen spezifische Decks.
- Dungeons waren die einzige Quelle für die Power-9, darunter Karten wie Black Lotus und Ancestral Recall.
- Die KI von MicroProse war für damalige Verhältnisse überraschend kompetent, da sie auf Algorithmen basierte, die den Wert von Karten und die Bedrohungslage im Spiel korrekt einstuften.
Das Sammeln der Power-9 war das eigentliche Ziel für viele Spieler, da diese Karten im realen Leben für die meisten Fans unerschwinglich waren. Der digitale Erwerb dieser Karten innerhalb der Kampagne bot einen Anreiz, den man in anderen Titeln jener Ära vermisste.
Erweiterungen und ein zweites Leben
MicroProse veröffentlichte zwei Erweiterungen, um das Karten-Portfolio zu aktualisieren. Spells of the Ancients fügte Karten aus den Sets Arabian Nights und Antiquities hinzu, während Duel of the Planeswalkers Inhalte aus Legends und The Dark ergänzte.
Nach der Einstellung des Supports durch den Publisher übernahmen Modder das Projekt. Die bekannteste Version, oft unter dem Namen Shandalar 2012 oder neuere Forks, portiert moderne Karten-Editionen und behobene Programmfehler in die originale Engine.
Die Modding-Community nutzt hierfür den Quellcode der ursprünglichen Exe-Datei, die per Reverse Engineering für aktuelle Windows-Versionen angepasst wurde. Dadurch bleibt das 97er-Interface mit heutigen Betriebssystemen kompatibel.
Spuren in der Popkultur
In den FMV-Zwischensequenzen des Spiels trat eine damals unbekannte Schauspielerin namens Rhea Seehorn als Lehrmeisterin auf. Jahrzehnte später erlangte sie weltweite Bekanntheit durch ihre Rolle als Kim Wexler in der Serie Better Call Saul.
Das Konzept der Verknüpfung von Kartenspielen und einer Kampagnen-Welt beeinflusste spätere Titel wie Thronebreaker: The Witcher Tales von CD Projekt RED. Das Studio griff die Idee auf, eine Geschichte innerhalb einer Weltkarte zu erzählen, während Kämpfe über ein festes Regelsystem ausgetragen werden.
Ein weiterer Vorläufer war Duel of the Planeswalkers, eine Reihe von Titeln, die Wizards of the Coast ab 2009 veröffentlichte. Diese Spiele vereinfachten das Regelwerk, verzichteten aber auf die offene RPG-Welt, die Shandalar zu einer Besonderheit machte.
Arzakon wird zur Karte
Im Mystery Booster: Commander-Set von 2020 erhielt Arzakon eine eigene offizielle Karte. Diese zeigt den Dämon als fünf-farbigen Planeswalker, der die Fähigkeiten aus dem Spiel in mechanische Karteneffekte übersetzt.
Die Karte erzeugt beim Ausspielen einen Black Lotus-Token und kann Karten aus Friedhöfen zurück in die Hand bringen. Dies ist eine direkte Anspielung auf die Mechanik der Dungeons im Spiel, in denen der Spieler gezielt nach den stärksten Karten suchen konnte.
Dass eine Figur aus einem 27 Jahre alten Software-Titel eine physische Entsprechung in einem modernen Set erhält, bleibt eine Seltenheit in der Geschichte von Magic: The Gathering. Die Karte ist ein offizielles Bekenntnis zu einer Ära, in der digitale Adaptionen noch als Experimente und nicht als standardisierte Live-Service-Produkte galten.