Ein Jubiläum ohne die Klügste
Am 31. Dezember 1995 endete der letzte Calvin and Hobbes-Strip. Genau 31 Jahre später, im Herbst 2026, feiern Fans das Vermächtnis von Bill Wattersons Meisterwerk. Doch eine Figur fehlt in der Retrospektive fast vollständig: Susie Derkins, die buchschlaue Klassenkameradin von Calvin, die in der Vorlage als intellektueller Gegenpol auftritt. Während Calvin mit seiner wilden Fantasie und Hobbes mit philosophischen Sprüchen Kultstatus genießen, wird Susie in der popkulturellen Erinnerung oft auf die Rolle der „Streberin“ reduziert. Dabei ist sie die einzige Figur, die Calvin intellektuell gewachsen ist, und genau das macht ihre Abwesenheit in Videospielen so auffällig.
Wer ist Susie Derkins wirklich?
- Susie ist die Nachbarin und Klassenkameradin von Calvin, benannt nach Wattersons späterer Ehefrau.
- Sie tritt als strebsam, höflich und buchliebend auf, entwickelt aber auch eine trockene Ironie.
- In vielen Strips spielt sie die rationale Stimme, die Calvins Eskapaden durchschaut.
- Sie ist die einzige weibliche Figur mit durchgehender Präsenz im Comic, ohne jemals als bloßes Beiwerk zu dienen.
- Ihre Intelligenz ist nicht auf Schulwissen beschränkt: Sie erkennt soziale Dynamiken oft schneller als Calvin.
Während Calvin in seiner Fantasie als Weltraumheld oder Dinosaurierforscher agiert, bleibt Susie in der realen Welt verankert. Sie liest dicke Romane, schreibt Aufsätze und besiegt Calvin regelmäßig in Wortgefechten. Diese Eigenschaften machen sie zur idealen Figur für ein Rätsel-Lernspiel oder eine Detektivgeschichte, doch genau dort taucht sie nie auf.
31 Jahre ohne offizielles Spiel
- Bill Watterson hat zu Lebzeiten strikt gegen Merchandising und Adaptionen gekämpft.
- Es existiert kein einziges offizielles Calvin and Hobbes-Videospiel für Konsolen oder PC.
- Fan-Projekte und Mods gibt es vereinzelt, aber sie wurden meist aus rechtlichen Gründen eingestellt.
- Im Gegensatz zu Peanuts oder Garfield verweigerten die Rechteinhaber jede Lizenzierung.
- Die letzte bekannte Annäherung war ein unveröffentlichter Prototyp für ein Adventure aus den 1990er-Jahren, der nie das Licht der Welt erblickte.
Watterson argumentierte, dass Comics ihre eigene Sprache haben und nicht auf andere Medien übertragbar seien. Diese Haltung hat die Kultur geprägt, aber auch dazu geführt, dass Figuren wie Susie keine Bühne außerhalb der Zeitungsseiten bekamen. Während andere Comic-Ikonen in Spielen wie The Peanuts Movie: Snoopy’s Adventure auftraten, blieb die Welt von Calvin und Hobbes vollständig ausgespart, und mit ihr Susie.
Warum Susie in ein Spiel passen würde
Ein Adventure mit Susie als Protagonistin hätte enormes Potenzial. Ihre scharfe Beobachtungsgabe könnte als Spielmechanik dienen: Hinweise finden, Dialoge analysieren, logische Rätsel lösen. Susie könnte als weibliches Vorbild für junge Spieler fungieren, ohne in Klischees zu verfallen. In einer Zeit, in der Spiele wie Life is Strange oder Oxenfree dialoglastige Erzählungen feiern, wäre ein solches Konzept naheliegend. Doch selbst in der Indie-Szene, die sich oft von Literatur und Comics inspirieren lässt, sucht man direkte Verweise auf Susie vergeblich. Stattdessen findet man hommageartige Anspielungen auf Calvin (den zappeligen Jungen mit Stofftiger) erstaunlich häufig, in Charakteranimationen, Leveldesigns oder Dialogzeilen. Die kluge Freundin bleibt außen vor.
Branchenkontext: Wer sonst bekommt eine Chance?
- Comic-Adaptionen sind im Gaming-Bereich seit Jahren erfolgreich, von Tintin bis The Walking Dead.
- Weibliche Nebenfiguren werden in solchen Umsetzungen oft aufgewertet: Rachel aus The Dark Knight oder Lois Lane in Batman-Spielen erhielten eigene DLC-Missionen.
- Doch bei Independent-Comics wie Calvin and Hobbes fehlt jegliche wirtschaftliche Motivation, weil Watterson keine Rechte freigibt.
- Selbst klassische Zeitungs-Comics wie Dilbert oder Bloom County haben Adaptionsversuche erlebt, wenn auch mit mäßigem Erfolg.
Susies Problem ist also nicht ihr Charakter, sondern das urheberrechtliche Korsett. Während Calvin und Hobbes als kulturelle Referenz frei von Urheberrecht sind (die Figuren als solches sind geschützt, aber direkte Nachahmung ist illegal), bleibt ein offizielles Spiel unmöglich. Das führt zu der skurrilen Situation, dass zwar hunderte Indie-Spiele von Wattersons Geist inspirierte Motive zeigen, aber keine einzige Original-Figur auftreten darf.
Ein Blick auf die Comic-Geschichte
Im Original hatte Susie bereits einige der besten Momente. Sie hält Calvin einen Spiegel vor, wenn er selbstgerecht wird. In einem Strip über „Das Buch der Wahrheit“ gewinnt sie jede Diskussion. Sie besitzt einen eigenen Stoffhasen namens Mr. Bun, der als stummer Kontrapunkt zu Hobbes fungiert. Diese Tiefe würde perfekt in ein Spiel mit mehreren Enden passen, in dem Moral und Konsequenzen eine Rolle spielen. Doch da Watterson nach 1995 endgültig in den Ruhestand ging, sind die Chancen auf eine Adaption praktisch null. Die einzige offizielle Veröffentlichung nach dem Comic-Ende war die dreibändige Gesamtausgabe von 2005 bis 2008, aber keine digitale Umsetzung.
Die Ironie der Anerkennung
Es mag seltsam klingen, aber gerade Susies Absenz unterstreicht ihre intellektuelle Sonderstellung. Während Calvin (der Junge) und Hobbes (der Tiger) als archetypische Duo-Vorlagen für hunderte Spiele dienten, lässt sich Susie nicht einfach in ein Action-Schema pressen. Sie denkt, sie plant, sie argumentiert, Eigenschaften, die in den 1990er-Jahren als „unspielbar“ galten, heute aber das Herzstück von Narrative-Games sind. Wenn sich ein Studio wie Double Fine oder Annapurna Interactive an ihr versuchen würde, hätte es einen Charakter mit Ecken und Kanten. Bis dahin bleibt Susie eine versteckte Perle: die eigentliche Heldin einer Geschichte, die sich weigerte, in andere Medien übertragen zu werden, und gerade dadurch ihre Integrität bewahrte.