Der Vorwurf: Abgesprochene Verknappung
Eine US-Sammelklage beschuldigt die Chip-Giganten Samsung, SK Hynix und Micron, den anhaltenden RAM-Notstand für Endverbraucher bewusst verschlimmert zu haben. Die Klage wirft den drei Herstellern vor, Preise und Liefermengen abgesprochen zu haben.
Im Kern geht es um die These, dass die Konzerne ihre Produktion koordiniert von Consumer-RAM (DDR4/DDR5 für PCs) auf High Bandwidth Memory (HBM) verlagert haben. HBM wird fast ausschließlich in KI-Rechenzentren verbaut, ein Milliardengeschäft, bei dem die Margen enorm sind.
Die Kartellgeschichte der Branche
RAM-Kartelle sind kein neues Phänomen. Bereits in den 1990er Jahren wurden Samsung, Hynix (damals Hyundai) und Micron in den USA wegen Preisabsprachen verklagt. Die Strafen summierten sich auf über 700 Millionen US-Dollar. Das US-Justizministerium verhängte 2006 gegen drei der vier größten DRAM-Hersteller Geldstrafen in Höhe von insgesamt 731 Millionen Dollar. Samsung zahlte allein 300 Millionen Dollar, eine der höchsten Kartellstrafen der Geschichte.
Die aktuelle Klage knüpft an dieses Muster an. Damals wie heute kontrollieren die drei Konzerne über 90 Prozent des weltweiten DRAM-Marktes. Samsung hält rund 43 Prozent, SK Hynix etwa 27 Prozent, Micron 24 Prozent. Ein Oligopol dieser Größenordnung macht Absprachen technisch einfach: Drei Unternehmen müssen nur die Produktion drosseln, um Preise zu treiben.
Die Folgen für Gamer: Leere Regale, absurd hohe Preise
Die Kehrseite der HBM-Schwemme: Auf dem Endkundenmarkt herrscht chronischer Mangel. Wer aktuell ein neues Gaming-Rig baut oder aufrüsten will, kennt das Problem.
- DDR5-Riegel kosten teilweise das Doppelte dessen, was sie vor zwei Jahren kosteten.
- Grafikkarten mit viel VRAM sind rar und überteuert.
- Der geplante Umstieg auf DDR5-Systeme wird für viele zum Geduldsspiel oder zum Luxus.
Die Kläger argumentieren, dass die Dreierbande bewusst kein Unternehmen die entstandene Lücke füllen ließ. Stattdessen hielten sie die Preise künstlich hoch, und zwar durch Absprache, nicht durch echten Wettbewerb.
HBM: Der wahre Treiber des Wandels
Der HBM-Markt wächst explosionsartig: Von 2,3 Milliarden US-Dollar im Jahr 2023 auf prognostizierte 20 Milliarden im Jahr 2028. NVIDIA bestellt HBM3e für seine KI-Chips H100 und H200 in solchen Mengen, dass Samsung und SK Hynix ihre Fabriken vollständig umwidmen. Micron folgt mit eigenen HBM3E-Produkten.
Die Umstellung auf HBM ist technisch aufwendig: Die Fertigung von Consumer-DDR5 und HBM teilt sich zwar Wafer-Einsätze, aber die Produktionslinien lassen sich nicht beliebig umschalten. Eine einmalige Entscheidung für HBM blockiert Kapazitäten für Monate. Die Klage wirft den Herstellern vor, diese Umstellung bewusst koordiniert zu haben, um den Consumer-Markt auszutrocknen.
Ein Déjà-vu aus den 90ern?
Schon in den 1990er Jahren gab es ähnliche Kartellvorwürfe gegen RAM-Hersteller. Damals wie heute geht es um die Frage: Handelt es sich um Marktlogik oder um illegale Absprachen?
Die aktuelle Klage könnte die Branche ordentlich durchrütteln. Sollte sie Erfolg haben, drohen den drei Konzernen hohe Schadensersatzforderungen. Das Geld müsste theoretisch an alle Endverbraucher zurückfließen, die überteuerte RAM-Produkte gekauft haben, inklusive Gamer.
Marktkonzentration und Preisentwicklung
Ein Blick auf die Preiskurven der letzten Jahre zeigt die Mechanik. DDR4-8GB-Riegel kosteten 2019 etwa 25 Euro, stiegen 2021 auf über 40 Euro, fielen dann auf 15 Euro ab, und liegen heute wieder bei 25 Euro. DDR5-32GB-Kits notierten bei Markteinführung 2021 bei 250 Euro, fielen 2023 auf 90 Euro und steigen aktuell auf 120 Euro. Die Schwankungen sind nicht allein durch Nachfrage erklärbar.
Die drei Hersteller haben in den vergangenen vier Quartalen Rekordgewinne eingefahren: Samsung erzielte im Halbleiterbereich 2023 einen operativen Gewinn von 6,5 Milliarden Dollar, SK Hynix 4,2 Milliarden, Micron 2,8 Milliarden. Ein Großteil stammt aus HBM-Verkäufen. Die Consumer-Sparte dient als Puffer: Wenn die KI-Blase platzt, können sie die Linien wieder auf DDR5 umrüsten, zu höheren Preisen als heute.
Was jetzt passiert
Die Anwaltskanzleien sammeln Beweise. Samsung, SK Hynix und Micron haben sich bisher nicht offiziell zu den Vorwürfen geäußert. Es bleibt abzuwarten, ob sich die Vorwürfe in einem Gerichtsverfahren erhärten lassen.
Für PC-Spieler heißt das erst einmal: Weiterhin hohe Preise kassieren, während die Hersteller ihre HBM-Profite in den KI-Himmel schießen. Ein Trost: Wenn die Klage durchkommt, gibt's vielleicht irgendwann eine Rückerstattung, sofern man seine Quittungen aufgehoben hat. Die letzte große DRAM-Klage 2006 führte zu einem Vergleich, bei dem Endverbraucher Gutscheine für neue RAM-Produkte erhielten. Der tatsächliche Erstattungsbetrug lag unter zehn Cent pro Riegel.