Neun vergessene Helden
Der Markt ist voll mit Remakes und Remastern. Resident Evil 4, Dead Space, The Last of Us, alle bekamen ein zweites Leben. Doch nicht jeder Klassiker hat dieses Glück. Die Kollegen von GIGA haben neun ganz besondere Titel identifiziert, die seit Jahren oder Jahrzehnten brachliegen. Ein Comeback wäre längst überfällig.
Doch die großen Publisher schweigen. Statt die alten Schätze zu heben, setzen sie auf neue Teile von Call of Duty oder FIFA. Die Nostalgie wird nur dort bedient, wo sie sich garantiert rechnet.
Ein exemplarischer Fall ist No One Lives Forever (2000), entwickelt von Monolith Productions. Das Spiel kombinierte Schleichmechaniken mit Humor im Stil der Austin-Powers-Filme. Die Rechte liegen heute bei mehreren Parteien, Warner Bros. besitzt die Marke, Activision den Vertrieb, 20th Century Fox die Filmcharaktere. Seit Jahren blockiert sich das Trio gegenseitig.
Ein weiterer Kandidat: Timesplitters 2 (2002) von Free Radical Design. Der Arcade-Shooter mit Zeitreise-Setting verkaufte sich über eine Million Mal. Nach der Insolvenz des Studios 2014 und der Übernahme durch Deep Silver gingen die Quellcodes verloren. Ein geplantes Remake von 2018 wurde eingestellt.
Die Liste umfasst auch The Suffering (2004), ein Survival-Horror-Titel von Surreal Software. Das Spiel nutzte eine damals ungewöhnliche Moral-Meter-Mechanik: Entscheidungen beeinflussten das Ende. Surreal wurde 2010 von Warner Bros. übernommen, die Marke liegt brach. Der Hauptentwickler Richard "Lord British" Garriott verließ die Branche.
Die bitteren Wahrheiten hinter der Vernachlässigung
- Lizenzprobleme: Viele Kultspiele gehören nicht mehr den ursprünglichen Rechteinhabern. Rechtsstreitigkeiten blockieren Neuauflagen.
- Fehlende Masterquellen: Alte Quellcodes sind verloren oder unbrauchbar. Ein Remake müsste komplett von Null entwickelt werden, ein teures Risiko.
- Marktanalyse-Scheuklappen: Publisher halten an bewährten Franchises fest. Nischenperlen haben kaum Lobby, selbst wenn eine Fanbasis existiert.
Die Lizenzprobleme sind oft komplizierter als bloße Rechtsstreitigkeiten. Bei Legacy of Kain: Soul Reaver (1999) besitzt Crystal Dynamics zwar die Marke, aber der ursprüngliche Publisher Eidos (heute Square Enix) hält Teile der Vertriebsrechte. Square Enix priorisiert eigene IPs wie Tomb Raider und hat kein Interesse an einem Remake.
Fehlende Masterquellen sind keine Seltenheit. System Shock 2 (1999) von Irrational Games, der Quellcode galt jahrelang als verloren. 2018 fanden Fans eine Sicherungskopie auf einer alten Festplatte des Entwicklers. Trotzdem ist ein offizielles Remake unwahrscheinlich: Electronic Arts hält die Rechte, aber das Franchise liegt seit dem Kauf von Night Dive Studios (die das Remake von System Shock 2023 veröffentlichten) in einer Grauzone.
Marktanalysen der großen Publisher stützen sich auf Verkaufsdaten der letzten fünf Jahre. Spiele wie Freespace 2 (1999), ein Weltraumsimulator mit gelobter KI, verkauften sich damals nur 200.000 Einheiten. Die Zielgruppe für ein Remake wäre zu klein für ein AAA-Budget. Volition, der Entwickler, existiert nicht mehr, er wurde 2023 von Embracer abgewickelt.
Ein Beispiel aus der Liste der vergessenen Legenden: Spiele, die damals Innovation waren, heute aber in Vergessenheit geraten. Die Gründe sind oft wirtschaftlich, nicht technisch.
Hoffnung für Retro-Fans?
Einige Indie-Studios springen in die Bresche. Sie produzieren geistige Nachfolger oder inoffizielle Remakes. Aber offizielle Projekte? Fehlanzeige.
Die bekannteste Fan-Initiative ist Black Mesa, ein inoffizielles Remake von Half-Life (1998). Das Team Crowbar Collective arbeitete über 15 Jahre daran, bevor Valve 2020 eine offizielle Veröffentlichung auf Steam genehmigte. Black Mesa verkaufte sich über eine Million Mal. Solche Beispiele sind selten, denn die meisten Publisher blockieren Fan-Projekte mit Unterlassungsverfügungen.
Wirtschaftlich lohnen sich Remakes vor allem bei großen Marken. Resident Evil 2 (Remake 2019) kostete rund 100 Millionen US-Dollar und spielte über 500 Millionen ein. Ein Titel wie No One Lives Forever hätte ein Budget von maximal 20 Millionen, zu riskant für Publisher, die lieber sichere Milliarden-Marken wie Call of Duty bedienen.
Ein Lichtblick: Der unabhängige Entwickler Night Dive Studios hat sich auf die Wiederbelebung alter Spiele spezialisiert. Sie kauften die Rechte an System Shock und veröffentlichten 2023 ein Remake. Der Verkaufserfolg (über 500.000 Einheiten) zeigt, dass eine Nische existiert. Doch solche Übernahmen sind teuer und erfordern jahrelange Verhandlungen.
Bis ein großer Publisher das Risiko eingeht, bleiben diese neun Legenden Staubfänger in der Vitrine. Vielleicht ändert sich das eines Tages, doch derzeit sieht es düster aus.