Der Kampf um die digitale Film-Bibliothek
Letterboxd wurde 2011 von Matthew Buchanan und Karl von Randow in Neuseeland gestartet. Die Plattform entstand aus der Idee, ein soziales Logbuch für Kinogänger zu schaffen, das über die rein statistische Erfassung von IMDb hinausgeht.
Die Intrinsic Entertainment Collaborative baut auf der Sorge auf, dass die aktuelle Eigentümerstruktur von Letterboxd bei einem Verkauf die Nutzer entfremdet. Im Jahr 2023 erwarb die kanadische Investmentfirma Tiny eine Mehrheitsbeteiligung an Letterboxd, was bereits damals erste Unruhe in der Community auslöste.
Warum ein Verkauf problematisch ist
Die Nutzererfahrung bei Letterboxd basiert auf einer klaren Trennung zwischen redaktionellen Inhalten und nutzergenerierten Listen. Ein Einstieg durch Venture-Capital-Firmen gefährdet laut Kritikern genau diese Balance.
- Integration von Affiliate-Links zu Streaming-Anbietern könnte die Objektivität von Empfehlungen beeinflussen.
- Algorithmen könnten eine Bevorzugung bestimmter Blockbuster erzwingen, um Werbepartner zu bedienen.
- Die Auswertung von Metadaten über Nutzerpräferenzen ist für Streaming-Dienste und Studios monetär wertvoll.
- Ein Abo-Modell für erweiterte Statistiken könnte durch aggressive Upselling-Taktiken ersetzt werden.
Historischer Kontext und Branchenvergleich
Die Entwicklung von Letterboxd verlief bisher untypisch für eine Web-Plattform mit über 10 Millionen registrierten Nutzern. Während Konkurrenten wie Trakt.tv oder Serializd stark auf Automatisierung setzen, behielt Letterboxd die manuelle Pflege der Tagebücher bei.
- IMDb wurde 1998 von Amazon gekauft und dient heute primär als Marketing-Instrument für Prime Video.
- Rotten Tomatoes gehört zu Fandango, einem Tochterunternehmen von NBCUniversal und Warner Bros. Discovery.
- Die Intrinsic Entertainment Collaborative versucht mit ihrem Modell den Weg von The Document Foundation (LibreOffice) oder der Mozilla Foundation zu gehen, um eine kommerzielle Übernahme zu verhindern.
- Der Markt für Filmdaten wird durch die TMDB-API (The Movie Database) gestützt, auf die fast alle genannten Plattformen zugreifen.
Details zur Kampagne
Die Kampagne der Intrinsic Entertainment Collaborative zielt auf eine Rechtsform ab, die eine Übernahme durch externe Investoren ausschließt. Das Modell lehnt sich an Genossenschaften an, bei denen die Nutzer Mitspracherechte bei der Ausrichtung der Plattform besitzen.
- Finanzielle Ziele werden nicht in den üblichen Summen von Tech-Startups gemessen, sondern an der Bewertung, die Tiny beim Einstieg 2023 ansetzte.
- Die Verwaltung der Gelder soll über einen Treuhandfonds erfolgen, der bei einem Scheitern der Übernahme Rückzahlungen an die Backer garantiert.
- Mitglieder der Collaborative betonen, dass sie keine neuen Features entwickeln, sondern den Bestand der Datenbank als Kulturgut sichern wollen.
Die aktuelle Lage
Die Betreiber von Letterboxd haben ihre Infrastruktur in den letzten Jahren durch die Einführung von Letterboxd Pro und Patron-Accounts weitgehend selbst finanziert. Dennoch bleibt der Druck durch die Mehrheitseigner bei Tiny bestehen, die Rendite pro Nutzer zu steigern.
- Die Zahl der monatlich aktiven Nutzer stieg seit 2020 um mehr als 300 Prozent.
- Wettbewerber wie Letterboxd stehen vor der Herausforderung, dass die API-Kosten für Filmdaten steigen, was den Betrieb ohne Investorengelder teuer macht.
- Die Crowdfunding-Kampagne läuft über eine spezialisierte Plattform für kollektive Akquisitionen, die bisher vor allem im sozialen Wohnungsbau oder bei lokalen Medienprojekten zum Einsatz kam.
Ein erfolgreicher Abschluss würde Letterboxd zum ersten großen sozialen Netzwerk machen, das den Rückkauf aus einer Venture-Capital-Struktur durch seine Community vollzieht. Ob die notwendige Summe im dreistelligen Millionenbereich erreicht wird, bleibt aufgrund der bisherigen Beteiligungshöhe abzuwarten. Aktuell sind keine weiteren offiziellen Stellungnahmen der Geschäftsführung von Letterboxd oder Tiny zu den Plänen der Intrinsic Entertainment Collaborative verfügbar.