Erste Eindrücke: Handy adé?
Die Rokid AI Glasses versprechen, was viele Tech-Fans seit Jahren herbeisehnen: Schluss mit dem ständigen Blick aufs Display. Stattdessen landen Nachrichten, Karten und Apps direkt im Sichtfeld. Klingt futuristisch, und ist es auch.
Das Unternehmen hinter den Brillen, Rokid aus Hangzhou, wurde 2014 von Ex-Alibaba-Manager Misa Zhu gegründet. Bisher verkaufte es rund 200.000 Einheiten der Vorgänger Rokid Max (2023) und Rokid Air (2021). Die neue Generation verzichtet erstmals auf ein gekoppeltes Smartphone, ein Rechner (Snapdragon XR2 Gen 1) sitzt im Bügel.
Was die Brille leistet
- KI-gestützte Sprachsteuerung für freihändige Bedienung
- Anzeige von Benachrichtigungen und Navigation im Auge
- Leichtes Design für den Alltag
Die technischen Daten: 75 Gramm Gewicht, Mikro-OLED mit 1920×1080 Pixeln pro Auge, 30 Grad Sichtfeld (enger als die Rokid Max mit 50°). Akkulaufzeit: drei Stunden. Der integrierte KI-Assistent basiert auf einem hauseigenen Sprachmodell, Spiele-APIs wie OpenXR werden nicht unterstützt.
Gaming-spezifische Funktionen sucht man aktuell vergeblich. Theoretisch ließen sich HUDs für Shooter oder Rundenzeiten für Rennspiele einblenden. Praktisch fehlt die Software-Unterstützung, die Technologie steckt in den Kinderschuhen.
Preis und Privatsphäre: Zwei dicke Fragezeichen
700 Euro sind eine Ansage. Dafür bekommt man eine aktuelle Konsole plus mehrere Spiele. Die Rokid AI Glasses sind eine Investition in die Zukunft, und die ist ungewiss. Hinzu kommen Datenschutzbedenken: Die integrierte Kamera lässt viele Menschen misstrauisch werden (ein Problem, das schon Google Glass 2013 zum Scheitern brachte).
Zum Vergleich: Die Xreal Air 2 Ultra kostet ebenfalls 699 Dollar, bietet aber 6DoF-Tracking. Meta Ray-Ban Meta (299 Euro) hat nur eine Kamera und kein AR-Display. Apples Vision Pro (3.500 Euro) wiegt 600 Gramm und ist kein Handy-Ersatz.
Für wen lohnt sich der Einstieg?
- Early Adopter mit dickem Geldbeutel
- Tech-Enthusiasten, die neue Interfaces testen wollen
- Nicht für Gamer, die sofortige Kompatibilität erwarten
Laut Marktforscher IDC wurden 2024 weltweit weniger als 1,5 Millionen AR-Brillen verkauft. Die fehlende Spiele-API und das enge Sichtfeld machen die Rokid AI Glasses für aktuelle Gaming-Titel unbrauchbar. Ohne konkrete Apps bleibt die Brille ein Nischenprodukt. Die Zukunft könnte anders aussehen, aktuell ist sie eher ein Statement als ein Must-have.
Brauchen wir noch ein Smartphone?
Die Frage treibt die Branche um. Wenn AR-Brillen alltägliche Aufgaben übernehmen, könnte das Handy tatsächlich verschwinden. Doch dafür müssen Produkte wie die Rokid AI Glasses erst alltagstauglich werden. Aktuell sind sie ein Schritt, aber kein Sprung.
Branchenriesen wie Nintendo arbeiten an eigenen AR-Lösungen. PlayStation VR2 setzt dagegen auf stationäre Konsole. Rokid baut auf den offenen Android-ARCore-Standard, doch Entwickler zeigen bislang wenig Interesse, kein einziges Gaming-Studio hat eine App angekündigt.
Technische Vorgänger im Detail
Die Rokid Air (2021) kostete 599 Euro, wog 83 Gramm und bot 40 Grad Sichtfeld, aber kein integriertes Betriebssystem. Die Rokid Max (2023) hatte einen 215-Zoll-Virtualscreen bei 1080p, war aber ebenfalls aufs Handy angewiesen. Die neuen AI Glasses sind das erste Modell mit eigenem Prozessor und KI-Assistenten.
Ein Problem: Der Snapdragon XR2 Gen 1 stammt aus 2020 und wird inzwischen von neueren Chips (Snapdragon XR2 Gen 2, wie im Meta Quest 3) übertroffen. Die Rechenleistung reicht für einfache Overlays, nicht für 3D-Spiele in Echtzeit.
Fazit: Mut zur Lücke?
Die Idee ist verlockend, die Umsetzung hinkt hinterher. Wer jetzt 700 Euro investiert, kauft Potenzial, kein fertiges Erlebnis. Das Smartphone bleibt vorerst in der Tasche.
Die ersten Auslieferungen der Rokid AI Glasses sind für Juni 2025 geplant. Bis dahin wird sich zeigen, ob ein hauseigenes Ökosystem ohne Spiele-Unterstützung und mit nur 30 Grad Sichtfeld eine Käuferschaft findet, oder ob die Brille das Schicksal von Google Glass teilt.