Evo unter neuer Flagge
Evo, das jährliche Mekka der Kampfspiel-Szene, bekommt einen neuen Eigentümer. Saudi-Arabien hat das Turnier übernommen, und die Reaktionen in der Fighting Game Community sind alles andere als einhellig.
Die Ankündigung kommt zu einem Zeitpunkt, an dem Evo als eines der letzten großen Esports-Events galt, das noch echte Relevanz besaß. Nun stellt sich die Frage: Wie viel wird sich ändern?
Die Vorgeschichte: Sonys Übernahme 2021
Evo war nie ein reines Community-Projekt. 2021 kauften Sony Interactive Entertainment und RTS (damals Teil von Endeavor) das Event für eine nicht genannte Summe. Sony sicherte sich die Mehrheit, RTS brachte Event-Logistik ein. Zuvor hatte Evo 2020 wegen Missbrauchsvorwürfen gegen Mitgründer Joey „Mr. Wizard“ Cuellar abgesagt werden müssen. Die Übernahme durch Sony rettete das Turnier, führte aber zu Kritik: Sony blockierte Spiele von Microsoft oder Nintendo? Tatsächlich blieb Super Smash Bros. Melee 2022 aus dem Line-up, was viele für eine strategische Entscheidung hielten.
Branchenkontext: Saudi-Arabiens Esports-Offensive
Der neue Eigentümer ist kein Privatinvestor, sondern der Public Investment Fund (PIF) über die Savvy Gaming Group. Savvy erwarb 2022 ESL und Faceit für 1,05 Milliarden US-Dollar. 2024 folgte der Esports World Cup (früher Gamers8) in Riad. Evo reiht sich ein in eine Serie von Käufen, die Saudi-Arabien zur Drehscheibe des globalen Esports machen wollen. Das Land investiert insgesamt über 37 Milliarden US-Dollar in Gaming und Esports, mit Staatsfonds, die kaum Renditeerwartungen haben.
- Vergleichbare Übernahmen: SNK (Kampfspiel-Entwickler) wurde 2020 von der saudischen Misk Foundation gekauft.
- Embracer Group erhielt 2022 Investitionen in Höhe von 1 Milliarde US-Dollar aus Saudi-Arabien.
Gemischte Reaktionen aus der Szene
- Viele Spieler und Organisatoren zeigen sich besorgt über mögliche Einflussnahme durch den neuen Besitzer.
- Andere hoffen, dass die finanzielle Unterstützung das Event langfristig stabilisieren kann, Preisgelder und Logistik könnten wachsen.
- Boykottaufrufe und Gegenstimmen machen ebenso die Runde wie vorsichtige Abwartehaltung.
Die Debatte erinnert an frühere Übernahmen von Esports-Organisationen durch staatliche Akteure. Der Unterschied: Evo ist kein reines Geschäft, sondern ein kulturelles Herzstück der FGC.
Zahlen und Daten: Die Größe von Evo
Evo begann 2002 mit rund 300 Teilnehmern in Las Vegas. 2024 verzeichnete das Turnier über 10.000 aktive Spieler, allein für Street Fighter 6 meldeten sich 7.000 Personen an. Das Preisgeld für die Hauptspiele lag bei insgesamt 1,2 Millionen US-Dollar.
- 2023: 9.200 Teilnehmer, Preisgeld 800.000 US-Dollar.
- 2022: 7.000 Teilnehmer, Preisgeld 600.000 US-Dollar (nach der Sony-Übernahme).
- Höchste Einzelpreisgeld: 250.000 US-Dollar an den Sieger von Street Fighter 6 2024.
Die Logistik umfasst 400+ Turnier-PCs, 1.000+ Bildschirme und 12.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche. Solche Dimensionen erfordern Sponsoren, und nun einen Staatsfonds.
Was bereits sichtbar ist
Erste Änderungen zeichnen sich ab, auch wenn konkrete Details noch spärlich sind. Die Turnierleitung betont, dass das Line-up der Spiele vorerst unverändert bleibt.
- Street Fighter 6, Tekken 8 und Guilty Gear Strive werden weiterhin die Hauptbühnen füllen.
- Die Teilnehmerzahlen für 2026 sind bereits hoch, obwohl Unsicherheit über die Zukunft besteht.
Die Community beobachtet jeden Schritt genau. Jede Anpassung im Regelwerk oder bei Sponsoren wird unter die Lupe genommen.
Ein Turnier im Wandel
Evo war schon immer mehr als nur ein Wettkampf, es war ein Treffpunkt für Leidenschaft, Rivalität und Austausch. Dass nun ein Staat mit umstrittener Menschenrechtsbilanz die Hand im Spiel hat, hinterlässt Spuren.
Die erste Bewährungsprobe kommt im August 2025: Dann findet das erste Evo unter saudischer Regie statt, parallel zum Esports World Cup in Riad. Werden Spieler aus China verboten? Werden LGBTQ+-Flyer weiter erlaubt sein? Die FGC hat schon oft gezeigt, dass sie laut werden kann, wenn es ihr wichtig ist.