Eine Maus, die eine andere Maus frisst
Es gibt Hardware, die wirkt wie aus einem Sci-Fi-Kurzfilm. Dieses Exemplar hier ist genau so ein Fall: Eine handgebaute Fingertip-Maus in Spinnen-Optik, die eine zweite, handelsübliche Maus verschlingt, im wahrsten Sinne des Wortes.
Das Projekt, das zuerst bei PCGamer für Stirnrunzeln sorgte, zeigt eine fast schon groteske Abhängigkeit: Ohne eine gespendete Maus als Komponentenquelle funktioniert das Biest nicht.
Die Mechanik des Wahnsinns
- Das Design erinnert an eine Spinne, langgliedrig, filigran und ein wenig beunruhigend.
- Die Maus wird nicht einfach nur gebaut, sondern sie "ernährt" sich von einer anderen Maus: Deren Elektronik wird entnommen und als Grundlage genutzt.
- Gamer, die selbst Hand anlegen, müssen also eine funktionierende Maus opfern, um dieses Exemplar zum Leben zu erwecken.
Der Bauplan ist offenbar öffentlich zugänglich, jeder mit Lötkolben und Geduld kann sich dieses Ungetüm nachbauen. Vorausgesetzt, man hat ein ungeliebtes Exemplar zur Schlachtbank bereit.
Der Schöpfer: ein Hardware-Tüftler aus dem Untergrund
Entwickelt wurde das Projekt von einem Enthusiasten mit dem Pseudonym „ArachnoMouse“, der seit 2019 auf den Plattformen Deskthority und Hackaday.io regelmäßig extreme Maus-Mods veröffentlicht. Seine vorherige Arbeit umfasste eine „Schwebemaus“ aus Aluminium-Draht, die nur 12 Gramm wog, sowie einen Trackball mit eingebautem Gyroskop. Der Spinnen-Prototyp entstand über vier Monate in einer heimischen Werkstatt in Südbaden.
Die Baupläne stellte er im November 2024 unter einer Creative-Commons-Lizenz auf Thingiverse zur Verfügung. Bis heute (Februar 2025) wurde das Modell rund 1.200 Mal heruntergeladen. In Foren wird kontrovers diskutiert, ob man eine funktionierende Maus schlachten sollte, der Entwickler selbst empfiehlt preiswerte Modelle wie die Logitech G203 (ca. 20 Euro) als Spender.
Historische Vorbilder: Spinnenform als Design-Trope
Das spinnenartige Layout ist kein Zufall. Bereits in den frühen 2000ern experimentierten Modder mit extrem schmalen „Claw-Grip“-Mäusen, die an Gliedertiere erinnerten. Ein bekannter Vorgänger ist die „Shogun Mouse“ aus dem Jahr 2017, eine handgefräste Aluminium-Maus mit sechs Tasten, die ebenfalls eine Standard-Platine fraß. Ihr Schöpfer, der japanische Bastler „Mogura-Gear“, verkaufte nur 30 Stück.
Die Gattung der Fingertip-Mäuse ist klein, aber wächst. Serienmodelle wie die G-Wolves HSK Plus (35 Gramm) oder die Finalmouse ULX (ca. 30 Gramm) kommen der Spinnenform nahe, verzichten aber auf das skelettartige Exoskelett. „ArachnoMouse“ gibt als Zielgewicht 16 Gramm an, gemessen ohne Kabel. Das wäre der leichteste Fingertip-Bau der Welt, noch unter dem Rekord der Pulsar X2 Mini (29 Gramm).
Ein Projekt für Puristen
Der Reiz liegt nicht in ergonomischer Perfektion, sondern in der extremen Reduktion. Diese Maus richtet sich an Spieler, die absolute Kontrolle über die Fingerspitzen suchen und dabei auf Komfort verzichten.
Wer sich traut, muss ein handelsübliches Gerät zerlegen, die Platine extrahieren und in das spinnenartige Gehäuse einpflanzen. Ein Akt der Hardware-Kannibalisierung, der an Retro-Bastelprojekte erinnert.
Branchenkontext: Das Revival der DIY-Maus
Die Spinnen-Maus steht im Trend einer wachsenden Szene, die das Maus-Modding wiederbelebt. Während Hersteller wie Logitech oder Razer auf lichttropfenförmige Designs setzen, suchen Enthusiasten nach Rohmaterial: Open-Source-Gehäuse, selbstgewickelte Kabel, modifizierte Schalter. Größere DIY-Projekte wie die „Sploosh“-Maus (2023) mit Atmega-Mikrocontroller oder die „Mausliebe“-Plattform auf GitHub zeigen, dass das Interesse an selbstgebauten Eingabegeräten zunimmt.
Ein Handbuch von „ArachnoMouse“ listet die genauen Lötstellen für Sensoren von Logitech G Pro und Razer Viper Mini. Wer keine Maus opfern will, kann auch Einzelplatinen aus China kaufen. Der 3D-Druck des Gehäuses erfordert 14 Stunden Druckzeit und etwa 20 Gramm PLA-Filament, Materialkosten unter 1 Euro.
Die Maus ist kein Massenprodukt, sondern eine Liebhaberei für Menschen, die das Seltsame suchen. Ob sie im Alltag oder beim Zocken taugt, bleibt offen, aber als Gesprächsthema auf der nächsten LAN-Party ist sie unschlagbar.