Entwickler eines kurzen Spiels meldet sich zu Wort
Ein Indie-Entwickler, dessen Titel „Ephemeral“ eine reine Spielzeit von 30 Minuten bietet, hat sich in die aktuelle Debatte um Steams Rückerstattungssystem eingeschaltet. Ryan Keller von Glitchworks Studio kritisiert, dass manche Spieler das System ausnutzen, um Spiele einfach durchzuspielen und dann zurückzugeben. Sein Studio besteht aus drei Personen und veröffentlicht seit 2017 kurze narrative Erlebnisse.
Trotz seiner Kritik betont er: „Ich bin zu 100% für Rückerstattungen.“ Das sei ein wichtiges Verbraucherrecht, das nicht angetastet werden dürfe. Keller verweist auf Eigenrecherche: Seit Release im März 2024 verzeichnet „Ephemeral“ eine Refund-Rate von 18 Prozent, mehr als doppelt so hoch wie der Steam-Durchschnitt von 7 Prozent.
Hintergrund: Das Studio und seine Spiele
Glitchworks Studio wurde 2016 von Ryan Keller und zwei Kommilitonen gegründet. Ihr Debüt „Dustwalker“ (2019) war ein 90-minütiges Point-and-Click-Adventure, das für seine dichte Atmosphäre gelobt wurde. Es verkaufte sich rund 12.000 Mal bei einem Preis von 9,99 Euro. Der Nachfolger „Lumen“ (2021) dauerte nur 60 Minuten, bekam aber bei 7.000 Verkäufen eine Refund-Rate von 12 Prozent.
Mit „Ephemeral“ (2024) wagten sie den radikalen Schritt: ein reines Walking-Simulator-Erlebnis mit minimalem Gameplay, genau 28 Minuten Spielzeit, vier Räume, eine Geschichte über das Erinnern. Der Preis: 4,99 Euro. Keller kalkulierte bewusst niedrig, um die Refund-Hürde zu senken. Dennoch nutzen viele Käufer die 2-Stunden-Frist: Sie schließen das Spiel ab und fordern ihr Geld zurück. Einige Steam-Rezensionen geben sogar Tipps, wie man den Titel „kostenlos erleben“ kann.
Missverständnisse und Shitstorm
Viele Kommentatoren hatten seine Aussagen als generellen Angriff auf das Refund-System verstanden. Der Entwickler reagiert darauf mit einer Klarstellung: „Viele Leute denken jetzt, ich bin ein komplettes Arschloch.“ In einem 15-minütigen Entwickler-Stream zeigte Keller seine tatsächliche Steam-Seite: Er selbst hat über 20 Spiele refundiert, darunter AAA-Titel, die nicht liefen.
Dabei geht es ihm um eine differenzierte Sicht: Das Rückerstattungssystem sei nicht dafür gedacht, Spiele kostenlos zu spielen und dann das Geld zurückzuholen. Er zitiert Valves eigene Regeln: Refunds sind für technische Probleme oder Fehlkäufe gedacht, nicht als Leihgabe. Die öffentliche Welle führte zu Dutzenden negativen Nutzerbewertungen auf „Ephemeral“, obwohl viele Kritiker das Spiel gar nicht besaßen.
Die konkrete Kritik am System
- Kurze Spiele leiden besonders unter dem Mechanismus. Wer einen 30-Minuten-Titel kauft, kann ihn problemlos durchspielen und refundieren.
- Der Entwickler sieht darin eine unfaire Belastung für Indie-Studios, die auf jedes verkaufte Exemplar angewiesen sind. Bei „Ephemeral“ gehen schätzungsweise 900 der 5.000 Verkäufe verloren.
- Keller fordert keine Abschaffung der Rückerstattungen, sondern eine Überprüfung der Spielzeit-Schwellenwerte oder eine fairere Handhabung. Ein Vorschlag: gestaffelte Fristen, Spiele unter 30 Minuten erhalten nur 30 Minuten Refund-Fenster.
Er verweist auf die Erfolgsgeschichte von „Before Your Eyes“ (2021), das mit einer Spielzeit von knapp einer Stunde ähnliche Probleme hatte. Dessen Entwickler GoodbyeWorld Games entschied sich für einen Preis von 7,99 Euro und akzeptierte eine höhere Refund-Quote (14 Prozent) als Geschäftsrisiko.
Vergleichbare Fälle in der Indie-Szene
Das Problem ist kein Einzelfall. „The Plan“ (2019, 8 Minuten Spielzeit) von Ovid Works hatte eine Refund-Quote von 41 Prozent, wie das Entwicklerteam im Steam-Forum offenlegte. „The Tree“ (2022, 5 Minuten) von Increpare Games (bekannt für „Slave of God“) erreichte sogar 52 Prozent Refunds, bei 3.000 verkauften Einheiten. Beide Teams argumentierten damals, dass das 2-Stunden-Fenster für extrem kurze Titel faktisch eine Umsonst-Ausleihe bedeute.
Valve änderte daraufhin nicht die Regeln, sondern führte 2023 eine interne Metrik ein: Spiele mit weniger als 30 Minuten Spielzeit werden bei der Refund-Prüfung stärker gewichtet. Diese Änderung war intern, nicht öffentlich. Entwickler berichten von automatischen Ablehnungen, wenn ein Spiel nach 90 Minuten zurückgegeben wird „obwohl es in 20 Minuten durchspielbar“ ist.
Valves Balanceakt
Steam erlaubt Rückerstattungen innerhalb von 14 Tagen bei weniger als zwei Stunden Spielzeit. Für extrem kurze Spiele ist diese Grenze oft zu großzügig. Eine offizielle Valve-Statistik von 2022 zeigte: 0,4 Prozent aller Refunds betrafen Spiele unter 15 Minuten Spielzeit, aber diese verursachten 8 Prozent aller manuellen Überprüfungen.
Der Entwickler bleibt bei seiner Position: Ja zu Rückerstattungen, aber bitte nicht als Dauerleihgabe für Kurztitel. Keller plant nun einen alternativen Vertriebsweg: „Ephemeral“ soll bald zusätzlich als Kostenlos-Titel mit optionalem Spendenmodell erscheinen. Er hat bereits 300 Euro durch Einzelspenden eingenommen, mehr als die 200 Euro, die ihm nach Abzug der Steam-Provision und Refunds vom eigentlichen Verkauf blieben.