Streikaufruf für den 25. Juni
Die französische Gewerkschaft STJV (Syndicat des Travailleurs du Jeu Vidéo) hat einen flammenden Appell veröffentlicht. Sie ruft den gesamten Videospielsektor dazu auf, sich am kommenden Donnerstag, dem 25. Juni 2026, an einem landesweiten Streik zu beteiligen.
Die Aktion richtet sich gegen die aus Sicht der Gewerkschaft katastrophale Führung in zahlreichen Studios. STJV spricht offen von „incompetence in project management“, also schierer Unfähigkeit im Projektmanagement, die die Belegschaften seit Jahren belastet.
Warum jetzt?
- Seit Monaten häufen sich Berichte über Crunch, Burnout und gescheiterte Meilensteine in französischen Studios.
- Viele Entwickler sehen die Schuld nicht bei den Teams, sondern bei einer Führungsetage, die unrealistische Deadlines setzt und Grundlagen der Spieleentwicklung ignoriert.
- Der Streikaufruf ist ein letzter Warnschuss, die Gewerkschaft will klarmachen, dass die Geduld am Ende ist.
Die Akteure: STJV und ihre Geschichte
Die STJV wurde 2019 von Entwicklern aus Ubisoft Paris und Dontnod Entertainment gegründet. Anlass war der öffentlich gewordene Crunch bei „Assassin‘s Creed Unity“ (2014) und später „For Honor“ (2017). Ihr erster großer Erfolg: 2021 ein Streik bei Ubisoft, der zu Nachzahlungen für unbezahlte Überstunden führte.
Heute zählt die Gewerkschaft rund 1.500 Mitglieder (Stand Anfang 2026), organisiert in über 40 Studios. Sie ist die einzige branchenweite Vertretung für Angestellte in Frankreich. Kleinere Initiativen wie Game Workers Alliance in den USA oder Polskie Związek Pracowników Gier in Polen orientieren sich am STJV-Modell.
Konkrete Fälle von Missmanagement
- Ubisoft verschob „Skull and Bones“ mehrfach über zehn Jahre hinweg. Interne Berichte (u.a. von Kotaku) beschreiben eine Führung, die Grundprinzipien agiler Entwicklung ignorierte, Ergebnis: 600 Millionen Euro Verlust für den Publisher.
- Quantic Dream („Detroit: Become Human“) geriet 2018 unter Druck, nachdem Medienberichte systematischen Crunch und toxische Führungskultur offenlegten. Eine interne Untersuchung bestätigte Überstunden von 70 Stunden pro Woche bei Projektenden.
- Focus Entertainment strich 2023 rund 100 Stellen, während „Warhammer 40.000: Space Marine 2“ (2024) kommerziell erfolgreich war. Gewerkschaftsvertreter werfen dem Management vor, Gewinne nicht in faire Arbeitsbedingungen zu reinvestieren.
Zahlen zur Arbeitsbelastung
Eine STJV-Umfrage unter 2.500 Entwicklern (2025) ergab: 68% arbeiten regelmäßig über 45 Stunden pro Woche, 22% sogar über 60 Stunden. Die gesetzliche Höchstgrenze in Frankreich liegt bei 48 Stunden, doch viele Studios umgehen sie mit Werkverträgen oder „freelance“-ähnlichen Modellen. 41% der Befragten gaben an, Burnout-Symptome zu haben.
Zum Vergleich: In deutschen Studios (Umfrage des GAME-Verbands 2024) arbeiten 54% der Angestellten dauerhaft mehr als 40 Stunden, aber nur 18% über 50 Stunden. Frankreichs Spielebranche beschäftigt rund 12.000 Menschen, der drittgrößte europäische Markt nach Großbritannien und Deutschland. Die Streikbereitschaft wächst: 2023 gab es 3 Streiktage, 2025 bereits 12.
Wer ist betroffen?
Der Aufruf richtet sich nicht nur an große Publisher wie Ubisoft oder Focus Entertainment. STJV fordert alle Beschäftigten, von Grafikern und Programmierern über QA-Tester bis hin zu Produzenten, zur Teilnahme auf.
Besonders brisant: Die Gewerkschaft zielt ausdrücklich auf die gesamte Branche, nicht nur auf einzelne Unternehmen. Das wäre der erste Generalstreik dieser Art in der französischen Videospielgeschichte.
Was bedeutet das für die Spieler?
- Am 25. Juni könnten Updates, Patches und Online-Dienste deutlich langsamer laufen, oder ganz ausfallen.
- Neue Ankündigungen oder Livestreams sind an diesem Tag sehr unwahrscheinlich, falls sich viele Studios beteiligen.
- Retro-Gaming-Fans sehen Parallelen zu den legendären Streiks bei Atari in den 1980ern, auch damals ging es um mangelnde Wertschätzung der Kreativen.
Der STJV-Aufruf ist ein lautes Zeichen. Ob er Gehör findet, wird sich am 25. Juni zeigen.