Target greift durch, aber nur leise
Der Kampf gegen Pokémon-Scalper nimmt eine neue Wendung. Wie Polygon.com berichtet, haben einige US-amerikanische Target-Filialen still und heimlich neue Einkaufsrichtlinien für Pokémon-Merchandise und Trading Cards eingeführt.
Es handelt sich um kaufbegrenzende Maßnahmen, die den Weiterverkauf auf dem Zweitmarkt erschweren sollen. Die Regeln werden allerdings nicht zentral kommuniziert, sondern nach Ermessen der einzelnen Filialen umgesetzt.
Die neuen Regeln im Überblick
- Käufe von Pokémon-Produkten werden limitiert, meist auf eine bestimmte Anzahl pro Kunde und Tag.
- Anti-Wiederverkaufsregeln wurden eingeführt. Dazu gehören etwa das Verbot, direkt vor dem Laden zu campen oder mehrfach hintereinander einzukaufen.
- Die Durchsetzung liegt im Ermessen der Store-Mitarbeiter, sie dürfen Käufe ablehnen, wenn sie Scalping-Verdacht schöpfen.
Bislang gibt es keine offizielle Bestätigung von Target selbst. Die Maßnahmen scheinen schleichend und lokal ausgerollt zu werden, ohne landesweite Ankündigung.
Warum jetzt? Ein alter Kampf wird neu entfacht
- Bereits seit 2021 kämpfen Einzelhändler gegen exzessives Scalping von Pokémon-Karten.
- Besonders begehrte Sets wie Pokémon Karmesin & Purpur oder Jubiläumsboxen werden oft innerhalb von Minuten leergekauft.
- Target war schon früher Vorreiter: 2021 führte der Konzern temporäre Limits ein, beendete sie aber später wieder.
Die neuen, dezentralen Regeln könnten eine Reaktion auf lokale Scalper-Hotspots sein. Statt einer bundesweiten Ansage setzt Target auf flexible Filialsteuerung.
Was das für Sammler bedeutet
- Kleine Sammler profitieren: Limits erhöhen die Chance, ein Pack oder eine Box zum UVP zu ergattern.
- Scalper bekommen es schwerer: Vor allem das „Store Discretion“-Prinzip sorgt für Unsicherheit, willkürliche Ablehnung schreckt Massenkäufer ab.
- Allerdings: Ohne einheitliche Regelung können Scalper einfach in Nachbarfilialen ohne Beschränkungen ausweichen.
Target testet offenbar, wie weit man mit filialgesteuerten Anti-Scalp-Maßnahmen kommt. Eine offizielle Verlautbarung steht noch aus, doch die ersten Umsetzungen sind ein klares Signal.
Wer steckt hinter den Karten? Die drei Entwickler des Pokémon-TCG
Das Pokémon-Sammelkartenspiel wird nicht von einem einzelnen Studio entwickelt. Drei Firmen teilen sich die Arbeit: Game Freak (bekannt für die Videospiele), Creatures Inc. und The Pokémon Company. Creatures Inc., gegründet 1995 als Tochter von Nintendo und Game Freak, ist der primäre Entwickler des TCG. Das Studio entwarf die ersten Karten 1996 parallel zum Erscheinen von Pokémon Rot und Grün in Japan. Davor war Creatures vor allem an der 3D-Modellierung für die ersten Spiele beteiligt. Game Freak wiederum liefert die Artworks und die Lore, während The Pokémon Company das Lizenzmanagement und den Vertrieb steuert.
Frühere Releases: Von Base Set bis zur Skalper-Krise 2021
Das Pokémon-TCG startete 1996 in Japan als Pocket Monsters TCG Base Set, in den USA 1999. Seitdem erschienen über 90 Erweiterungen. Die Nachfrage explodierte in Wellen: 1999 durch den Hype der ersten Staffel, 2016 durch Pokémon GO, und 2020/2021 durch die Pandemie. Einzelne Karten wie die 1. Edition Glurak (Base Set) erzielten 2021 auf Auktionen über 300.000 Dollar. Pokémon Karmesin & Purpur (März 2023) war das erste Set der aktuellen Generation und verkaufte in den USA laut ICV2 über 500 Millionen Dollar im ersten Quartal. Scalper konzentrierten sich auf limitierte Boxen wie die 25th Anniversary Celebration Box (2021) mit UVP 49,99 Dollar, die auf eBay für 150 Dollar gehandelt wurden.
Branchenkontext: Das Scalping-Problem im TCG-Markt
Target ist nicht der erste Händler, der Gegenmaßnahmen ergreift. GameStop führte 2021 Kaufbeschränkungen für Trading Cards ein, Walmart testete in einigen Filialen ähnliche Limits. Der US-amerikanische TCG-Markt wuchs 2020 auf 1,5 Milliarden Dollar (laut The Toy Association). Im Vergleich: Magic: The Gathering von Wizards of the Coast hatte 2021 einen Marktanteil von etwa 38 Prozent, Pokémon lag bei 24 Prozent. Scalper nutzten Bots für Online-Käufe, aber auch physische Store-Camping-Methoden. Target selbst erlebte 2021 einen Vorfall, bei dem vor einer Filiale in Wisconsin eine Gruppe von Scalpern eine Prügelei anzettelte, weil einer von ihnen mehr als die erlaubten drei Boosterboxen kaufen wollte.
Konkrete Zahlen: Preisanstieg und Nachfragedruck
Ein aktuelles Beispiel: Die Pokémon 151 Booster Bundle (September 2023), UVP 31,99 Dollar, wird auf Sekundärmärkten für 60 bis 80 Dollar gehandelt. Das Set enthält Karten aus der ersten Generation und ist extrem populär. Laut TCGplayer stiegen die Preise für ungeöffnete Boosterpackungen zwischen 2020 und 2022 um durchschnittlich 170 Prozent. Target reagierte 2021 mit einem landesweiten Verkaufsstopp für Pokémon-Karten über eine Woche hinweg, ein Novum im Einzelhandel. Die aktuellen lokalen Limits sind also Teil einer langen Serie von Maßnahmen, die nie ganz griffen.
Die dezentrale Durchsetzung könnte auf lokale Beschwerden zurückgehen. Im Juli 2023 postete ein Pokémon-Sammler auf Reddit ein Bild von einem leeren Target-Regal mit einem handschriftlichen Zettel: „Max 1 Pokémon-Produkt pro Kunde“. Der Post sammelte über 10.000 Upvotes und könnte Druck auf die Filialleitung ausgeübt haben. Target selbst schweigt, vermutlich, weil sie keine bundesweite Regelung wollten, die Scalper mit Bots umgehen könnten.