Bericht: Tencent stoppt Japan-Investments
Einem neuen Bloomberg-Bericht zufolge will der chinesische Konzern Tencent seine Beteiligungen an mehreren japanischen Spieleentwicklern zurückfahren. Die Nachricht verbreitete sich am Dienstag schnell in der Spielepresse. Tencent gilt als einer der größten Investoren der Branche.
Bloomberg stützt sich auf mehrere mit der Sache vertraute Personen. Der Bericht nennt keine konkreten Summen, aber Tencents Japan-Investments summierten sich in den letzten fünf Jahren auf schätzungsweise 1,5 Milliarden US-Dollar. Der Rückzug könnte schrittweise erfolgen, ähnlich wie Tencent 2022 seine Beteiligung an dem amerikanischen Entwickler Riot Games nicht erhöhte, obwohl es vertraglich möglich gewesen wäre.
Welche Studios sind betroffen?
- Konkrete Namen nennt der Bericht nicht. Tencent hält Anteile an einer Reihe japanischer Entwickler, von kleinen Indie-Studios bis hin zu etablierten Konsolen-Schmieden.
- Ein kompletter Rückzug wäre ein herber Schlag für die japanische Spielelandschaft. Viele Studios sind auf die finanzielle Unterstützung des Giganten angewiesen.
Zu den bekannten Beteiligungen zählen FromSoftware (Elden Ring, Dark Souls). Tencent hält über seine Tochter Sixjoy rund 16,25 % der Anteile, die es 2022 für etwa 30 Milliarden Yen (rund 220 Millionen Euro) von Kadokawa erwarb. PlatinumGames (Bayonetta, Nier: Automata) erhielt 2022 eine Minderheitsbeteiligung von Tencent; das Studio nutzte das Geld, um ein neues eigenes IP zu entwickeln. Acquire (Octopath Traveler, Tenchu) wurde 2022 komplett von Tencent übernommen. Wake Up Interactive (Splasher) kam 2022 ebenfalls in Tencents Portfolio.
Laut Bloomberg sind aber vor allem kleinere Studios betroffen, die keine großen AAA-Titel produzieren. Diese haben oft keine alternativen Geldgeber und sind auf die Zuschüsse aus China angewiesen. Ein Rückzug könnte für sie existenzbedrohend sein.
Keine offizielle Stellungnahme
Bisher haben weder Tencent noch die betroffenen Firmen öffentlich reagiert. Es bleibt unklar, ob es sich um einen vollständigen Ausstieg oder nur um eine Reduzierung der Investments handelt. Bloomberg beruft sich auf mit der Sache vertraute Personen, eine übliche Praxis bei solchen Exklusivmeldungen.
Der Zeitpunkt ist auffällig: Seit 2023 verschärft die chinesische Regierung die Kontrolle über Kapitalabflüsse ins Ausland. Tencent selbst steht unter Druck durch strengere Regulierung des heimischen Gaming-Marktes, etwa die Verkaufslimits für Minderjährige und die langsame Zulassung neuer Lizenzen. Gleichzeitig muss Tencent seine Rentabilität verteidigen; der Aktienkurs fiel seit 2021 um über 40 %. Ein Rückzug aus weniger profitablen Nischenprojekten in Japan würde in dieses Muster passen.
Auswirkungen auf die Spieler
Sollte Tencent tatsächlich die Gelder kürzen, könnten laufende Projekte ins Stocken geraten. Besonders kleinere japanische Entwickler hätten ohne die chinesische Finanzspritze Probleme. Die Spieler müssten sich auf Verzögerungen oder sogar Absagen gefasst machen.
Konkrete Beispiele: FromSoftware arbeitet an einem Mehrspieler-Erweiterungspaket für Elden Ring („Shadow of the Erdtree", angekündigt für Juni 2024) sowie an einem neuen Action-RPG. Ein Investment-Stopp würde diese Projekte nicht direkt gefährden, Tencent kontrolliert das Unternehmen nicht –, aber die Mittel für künftige Titel könnten knapper werden. PlatinumGames hat mehrere unangekündigte Projekte in Entwicklung, darunter ein neues Action-Spiel, das ohne Tencents Finanzspritze in der Planungsphase steckenbleiben könnte. Acquire, das 2023 das Überraschungs-Hit Octopath Traveler II veröffentlichte, hängt stark von Tencents Budgetfreigaben ab. Sollte Tencent die Unterstützung einstellen, müsste Acquire entweder die Produktion drosseln oder einen neuen Partner suchen, ein schwieriger Prozess für ein Studio mit rund 120 Mitarbeitern.
Die japanische Spielebranche ist ohnehin von Konsolidierung geprägt: Sony und Nintendo investieren vor allem in eigene First-Party-Studios, während chinesische Firmen wie Tencent und NetEase als Geldgeber für unabhängige Entwickler fungierten. Ein Rückzug Tencents würde diese Alternative wegfallen lassen und die Abhängigkeit von den großen japanischen Publishern verstärken.