Die Schuldzuweisung nach den Entlassungen
Microsofts Gaming-Sparte hat gestern eine weitreichende Entlassungswelle durchgeführt. Xbox-CEO Asha Sharma stellt nun klar: Die Verantwortung liegt bei der Strategie von Phil Spencer.
Sharma nannte Spencer nicht direkt beim Namen. Aber ihre Analyse ist deutlich: „We simply spread ourselves too thin“, wir haben uns einfach zu sehr verzettelt. Das geht aus einem Bericht von PCGamer hervor.
Es ist nicht das erste Mal, dass Microsofts Gaming-Sparte Personal abbaut. Im Januar 2024 strich das Unternehmen 1.900 Stellen, vor allem in den neu erworbenen Activision-Blizzard-Teams. Im September folgten weitere 650 Entlassungen in der Xbox-Abteilung. Die aktuelle Welle bringt die Gesamtzahl auf über 2.500 betroffene Mitarbeiter innerhalb von zwölf Monaten. Zum Vergleich: Sony Interactive Entertainment entließ Anfang 2024 rund 900 Angestellte, etwa 8 Prozent der Belegschaft. Microsofts Schnitte fallen prozentual ähnlich aus, betreffen aber eine größere absolute Zahl.
Das Kerngeschäft vernachlässigt
- Sharma zufolge litt Xbox unter einer falschen Prioritätensetzung.
- Das „core business“, also das eigentliche Spielegeschäft, sei sträflich vernachlässigt worden.
- Stattdessen habe man zu viele Nebenprojekte verfolgt und Ressourcen zersplittert.
Die Frage ist nun: Welche Projekte waren das? Sharma gab keine Details preis. Doch der Vorwurf wiegt schwer: Ein CEO, der die strategische Ausrichtung seines Vorgängers öffentlich infrage stellt.
Konkrete Beispiele für die Zersplitterung gibt es genug. Unter Spencer verfolgte Microsoft gleichzeitig Cloud-Gaming mit xCloud, die TV-Adaption von Halo bei Paramount+ (Produktionskosten: rund 90 Millionen Dollar pro Staffel), eine Grounded-Animationsserie in Entwicklung, sowie mehrere Live-Service-Titel wie Redfall und Halo Infinite. Redfall von Arkane Austin, einem Studio, das vorher Dishonored und Prey lieferte, erschien 2023 im desaströsen Zustand, verkaufte sich unter einer Million Einheiten und führte im Mai 2024 zur Schließung des Studios. Halo Infinite verlor nach Release 90 Prozent seiner Spielerbasis auf Steam. Die Ressourcen für diese Projekte fehlten an anderer Stelle: Neue Single-Player-Exklusivtitel wie Senua’s Saga: Hellblade 2 (2024) von Ninja Theory kamen mit einem Budget von schätzungsweise 100 Millionen Dollar auf den Markt, erzielten aber nur moderate Verkaufszahlen.
Was bleibt von Spencers Erbe?
Phil Spencer hatte in den letzten Jahren aggressiv Studios gekauft und den Game Pass ausgebaut. Activision Blizzard, Bethesda, die Liste ist lang. Doch der gefürchtete „Alles-auf-eine-Karte“-Ansatz scheint nun zu platzen.
Die Entlassungen treffen offenbar mehrere Teams. Welche Studios genau betroffen sind, ist noch nicht vollständig klar. Klar ist nur: Microsoft reagiert auf eine Schieflage, die Sharma zufolge hausgemacht ist.
Die Übernahmen unter Spencer kosteten insgesamt über 75 Milliarden Dollar. Den größten Brocken machte Activision Blizzard aus: 68,7 Milliarden Dollar im Oktober 2023. Davor kaufte Microsoft ZeniMax Media (Bethesda, id Software, Arkane) für 7,5 Milliarden Dollar im März 2021. Hinzu kamen kleinere Studios wie Obsidian (2018), Ninja Theory (2018), Playground Games (2018), Undead Labs (2018), Compulsion Games (2018), inXile Entertainment (2018), Double Fine (2019) und Moon Studios (2020? Moon blieb unabhängig). Insgesamt verfügt Xbox nun über 35 interne Studios, mehr als jedes andere First-Party-Netzwerk der Branche. Gleichzeitig stagniert der Game Pass bei rund 34 Millionen Abonnenten (Stand Februar 2024). Sony meldet für PlayStation Plus 50 Millionen Abos. Der Game Pass wuchs 2023 nur um 6 Prozent, während die Ausgaben für Inhalte explodierten. Spencers Versprechen, der Game Pass werde sich bis 2027 auf 100 Millionen Abos verdoppeln, gilt als Makulatur.
Ein harter Schnitt für die Zukunft?
Sharma stellt die Weichen neu. Ob das bedeutet, dass Xbox sich wieder auf eigene Exklusivtitel und konsolennahe Entwicklung konzentriert? Oder ob der Game Pass mit weniger Inhalten auskommen muss?
Die Antwort wird die kommenden Monate zeigen. Sicher ist: Die Ära des grenzenlosen Wachstums unter Spencer ist vorbei. Sharma hat die Axt ausgepackt, und sie weist mit dem Finger nicht nach unten, sondern zurück.
Ein Indiz für die Neuausrichtung: Microsoft hat im September 2024 die Preise für den Game Pass Ultimate in den USA von 16,99 auf 19,99 Dollar erhöht und gleichzeitig das „Game Pass Standard“-Abo eingeführt, das Day-one-Releases ausschließt. Das deutet auf eine Abkehr von Spencers Maxime hin, jedes First-Party-Spiel sofort in den Dienst zu stellen. Gleichzeitig sollen Berichten zufolge mehrere geplante Projekte gestoppt werden, darunter ein unangekündigtes Live-Service-Spiel von The Coalition (Gears of War-Entwickler) und ein Fable-Reboot von Playground Games, wobei letzteres noch nicht bestätigt ist. Im Interview mit Bloomberg sagte Sharma: „Wir werden nicht mehr jedes Risiko eingehen. Manche Sachen müssen einfach gut funktionieren.“ Klingt nach weniger Experimenten, mehr Sicherheit.