Ein kurzer Albtraum im Tintenfass: Warum Bendy: Secrets of the Machine mehr Teaser als Spiel ist
„Bendy: Secrets of the Machine“ ist ein mysteriöser, kostenloser Ausflug in die Welt von Joey Drew Studios, der als interaktives Rätsel eher Appetit auf mehr macht, als ein vollwertiges Erlebnis zu bieten. Ein atmosphärischer Snack für zwischendurch, der jedoch spielerisch kaum Substanz liefert.
Wenn man den Namen „Bendy“ hört, denken Fans der Indie-Horror-Szene sofort an die klaustrophobischen Gänge der Joey Drew Studios, an schleichende Tinte und das unheimliche Grinsen des kleinen Teufels. Mit Bendy: Secrets of the Machine hat das Entwicklerteam von Joey Drew Studios einen Titel veröffentlicht, der die Fangemeinde erneut in ihren Bann ziehen soll. Doch wer hier ein vollwertiges Horror-Adventure oder gar einen Nachfolger zu Bendy and the Dark Revival erwartet, der wird beim ersten Starten des Spiels schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.
Was ist Secrets of the Machine also eigentlich? Es ist kein klassisches Spiel im herkömmlichen Sinne. Es ist eher eine interaktive Erfahrung, eine Art „digitales Osterei“, das die Grenzen zwischen der Spielwelt und unserem Desktop verschwimmen lässt. Das Konzept ist charmant: Man findet sich in einer Umgebung wieder, die stark an die bekannten Studios erinnert, interagiert mit Objekten und muss kleine, fast schon triviale Rätsel lösen, um tiefer in die Lore einzutauchen.
Die Atmosphäre ist, wie man es von der Reihe gewohnt ist, absolut erstklassig. Das Sounddesign ist bedrückend, die visuelle Ästhetik – dieser „Rubber Hose“-Stil der frühen Animationsfilme, gepaart mit dem verfallenen, tintenverschmierten Look – ist nach wie vor einzigartig. Man spürt förmlich den Schmutz und die Verzweiflung, die in den Wänden dieses Ortes stecken. Wenn man durch die Räume schleicht, hat man immer das Gefühl, beobachtet zu werden. Das ist die große Stärke des Spiels: Es versteht es meisterhaft, Stimmung zu erzeugen, ohne auf billige Jumpscares angewiesen zu sein.
Doch hier endet das Lob auch schon fast, denn spielerisch bietet Secrets of the Machine erschreckend wenig. Die Interaktionen beschränken sich auf das Klicken von Objekten und das Navigieren durch eine Handvoll Räume. Es gibt keine echte Bedrohung, keine Verfolgungsjagden, keine komplexen Puzzles, die den Spieler fordern würden. Wer nach einer Herausforderung sucht, wird hier bitter enttäuscht. Das Spiel fühlt sich an wie ein interaktiver Teaser für ein größeres Projekt – eine Art „Appetizer“, der den Hunger zwar weckt, aber den Magen leer lässt.
Kritisch muss man auch die technische Umsetzung betrachten. Zwar ist der Grafikstil gewollt reduziert, doch wirken manche Texturen und Animationen fast schon zu simpel, selbst für einen Casual-Titel. Dass das Spiel zudem extrem kurz ist – man hat das „Geheimnis“ der Maschine oft in unter einer Stunde gelüftet –, macht es schwierig, eine echte Empfehlung auszusprechen, außer man ist ein eingefleischter Lore-Jäger. Wer jedes Detail der Bendy-Geschichte aufsaugen will, kommt an diesem Titel nicht vorbei, da er wichtige Puzzlestücke für das Gesamtbild liefert. Wer jedoch ein Spiel sucht, das ihn über einen Abend hinweg fesselt, wird hier nicht fündig.
Ein weiterer Punkt, der mich als Reviewer stört, ist die fehlende Wiederspielbarkeit. Wenn man einmal weiß, wo die Geheimnisse versteckt sind und wie die „Maschine“ funktioniert, gibt es keinen Grund mehr, in diese Welt zurückzukehren. Es gibt keine alternativen Pfade, keine verschiedenen Enden, keinen Modus, der einen dazu einlädt, tiefer zu graben. Es ist ein „Einmal-Erlebnis“, das nach dem Abspann sofort in Vergessenheit gerät.
Dennoch: Man darf nicht vergessen, dass Bendy: Secrets of the Machine kostenlos ist. In einer Zeit, in der viele Indie-Entwickler versuchen, für jeden kleinen Teaser Geld zu verlangen, ist dieser Ansatz lobenswert. Es ist ein Geschenk an die Community, ein kleiner Gruß aus dem Tintenfass, der zeigt, dass das Team noch immer mit Herzblut bei der Sache ist.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Bendy: Secrets of the Machine ist kein Spiel, das man aufgrund seines Gameplays spielt. Man spielt es wegen der Atmosphäre, wegen der Lore und wegen der Liebe zum Detail, die in jedem Frame steckt. Es ist ein atmosphärischer Snack für einen verregneten Nachmittag, nicht mehr und nicht weniger. Wer das im Hinterkopf behält, wird nicht enttäuscht sein. Wer jedoch ein vollwertiges Horror-Erlebnis erwartet, sollte lieber noch einmal Bendy and the Ink Machine hervorholen. Für Fans ist es ein netter Zeitvertreib, für alle anderen eher eine Fußnote in der Geschichte des kleinen Tinten-Teufels.
+ PRO
- +Herausragende, düstere Atmosphäre im klassischen 30er-Jahre-Cartoon-Stil
- +Kostenloses Erlebnis, das Fans der Lore mit neuen Details füttert
- +Clevere Meta-Elemente, die die vierte Wand geschickt durchbrechen
- CONTRA
- -Extrem kurze Spielzeit, die sich eher wie eine Tech-Demo anfühlt
- -Kaum spielerische Tiefe oder echte Herausforderungen
- -Technisch rudimentär, was den Wiederspielwert gegen Null drückt
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