Zwischen Pulverdampf und Götterzorn: Ein ambitionierter Stolperstein
Flintlock: The Siege of Dawn mischt Souls-Lite-Elemente mit rasanten Schusswaffen-Mechaniken, bleibt aber trotz einer faszinierenden Welt spielerisch oft hinter seinen eigenen Möglichkeiten zurück.
Wenn man die ersten Minuten in Flintlock: The Siege of Dawn verbringt, fühlt man sich sofort in eine Welt versetzt, die man so in der Gaming-Landschaft selten sieht. Das Entwicklerstudio A44 Games hat sich an ein Setting gewagt, das die raue Ästhetik des 18. Jahrhunderts mit einer Prise High-Fantasy und einer ordentlichen Portion göttlichem Zorn würzt. Doch nach den ersten Stunden stellt sich die Frage: Reicht eine originelle Idee aus, um ein Spiel über die Ziellinie zu tragen?
Die Geschichte rund um die Protagonistin Nor Vanek, die gemeinsam mit dem geheimnisvollen, fuchsartigen Gott Enki gegen die Armeen der Toten kämpft, beginnt vielversprechend. Die Welt „Kian“ ist visuell beeindruckend gestaltet – von staubigen Wüsten bis hin zu zerfallenen Ruinen, die von einer unheilvollen Magie durchzogen sind. Doch hier zeigt sich bereits das erste Problem: Die Erzählweise ist oft sprunghaft und lässt den Spieler emotional kaum an Nor heran. Wir wissen, dass sie Rache will, aber warum wir uns wirklich um ihr Schicksal sorgen sollten, bleibt in den Dialogen oft oberflächlich.
Kommen wir zum Herzstück: dem Gameplay. Flintlock bezeichnet sich selbst als „Souls-Lite“. Das bedeutet, wir haben es mit einem Kampfsystem zu tun, das auf Ausweichen, Parieren und präzisem Timing basiert. Die Besonderheit ist hier der Einsatz von Schusswaffen. Anstatt nur auf den Gegner einzuschlagen, unterbrechen wir Angriffe mit gezielten Schüssen oder nutzen Enkis magische Fähigkeiten, um Gegner in die Luft zu schleudern. Das fühlt sich in den besten Momenten fantastisch an. Wenn man einen Rhythmus findet, bei dem man zwischen Axt-Hieben und Pistolen-Salven wechselt, entfaltet das Spiel eine befriedigende Dynamik, die sich von den üblichen „Soulslike“-Klonen abhebt.
Doch genau hier liegt der Hund begraben: das Balancing. Während das Kampfsystem in den Standard-Begegnungen Spaß macht, entpuppen sich einige Bosskämpfe als wahre Nervenprobe – und das nicht immer auf die faire Art. Oftmals wirken die Hitboxen der Bosse unpräzise. Wenn ich einem Schlag ausweiche, der mich laut Animation um einen halben Meter verfehlt, ich aber dennoch massiven Schaden nehme, schwindet die Motivation schnell. Frust ist in diesem Genre ein gewolltes Element, aber er muss sich durch eigenes Unvermögen rechtfertigen, nicht durch technisches Poltern.
Technisch präsentiert sich Flintlock als ein zweischneidiges Schwert. Die Grafik ist solide, besonders die Lichteffekte bei den magischen Fähigkeiten von Enki sehen toll aus. Dennoch kämpft das Spiel auf Konsolen und PCs mit gelegentlichen Framerate-Einbrüchen und Textur-Pop-ins, die einen aus der Immersion reißen. Es wirkt, als hätte das Team bei A44 Games eine Vision gehabt, die für das vorhandene Budget oder die Zeitvorgaben eine Nummer zu groß war.
Ein weiterer Punkt, der mich persönlich gestört hat, ist das Leveldesign. Während die Areale optisch abwechslungsreich sind, wirken sie spielerisch oft wie Korridore mit „Souls-Anstrich“. Es fehlt an organischen Abkürzungen oder dem Gefühl, eine wirklich zusammenhängende Welt zu erkunden. Man läuft von Punkt A nach Punkt B, erledigt die Gegner, sammelt Loot und hofft, dass der nächste Checkpoint (die sogenannten „Kaffeestände“) nicht zu weit entfernt ist.
Trotz dieser Kritikpunkte möchte ich Flintlock nicht komplett verteufeln. Es ist ein Spiel, das Herzblut besitzt. Man merkt an jeder Ecke, dass die Entwickler etwas Neues schaffen wollten. Enki als Begleiter ist ein spielmechanisches Highlight, das man in dieser Form gerne öfter sehen würde. Er dient nicht nur als Unterstützung im Kampf, sondern auch als Navigationshilfe und Erzähler, was die Interaktion zwischen Mensch und Gott sehr greifbar macht.
Wer ein Spiel sucht, das die Komplexität eines Elden Ring oder die technische Perfektion eines God of War bietet, wird hier enttäuscht werden. Wer jedoch ein Fan von Action-Adventures ist, die sich trauen, ein eigenes Setting zu etablieren und ein Kampfsystem bieten, das sich erfrischend „anders“ anfühlt, der könnte mit Flintlock durchaus seinen Spaß haben – vorausgesetzt, man bringt eine gewisse Frusttoleranz für die technischen Ecken und Kanten mit.
Fazit: Flintlock: The Siege of Dawn ist ein mutiger Versuch, der an seinen eigenen Ambitionen scheitert, aber dennoch genug Charme besitzt, um nicht in der Bedeutungslosigkeit zu versinken. Es ist ein Spiel für ein Wochenende, an dem man Lust auf ein bisschen Pulverdampf und göttliche Magie hat, ohne dabei zu tief in komplexe Lore-Systeme eintauchen zu wollen. Ein solider 6.8er Titel, der zeigt, dass A44 Games Potenzial hat – beim nächsten Projekt darf es dann aber gerne ein bisschen mehr Feinschliff sein.
+ PRO
- +Ein erfrischendes Setting, das Flintlock-Fantasy mit ästhetischem Worldbuilding verbindet.
- +Das Kampfsystem bietet durch die Kombination aus Axt-Hieben und Schusswaffen eine dynamische Lernkurve.
- +Enki, der tierische Begleiter, sorgt für taktische Tiefe und eine gelungene visuelle Abwechslung.
- CONTRA
- -Technisch wirkt das Spiel an vielen Ecken noch ungeschliffen und leidet unter Inkonsistenzen.
- -Das Balancing der Bosse schwankt zwischen fordernd und schlichtweg frustrierend unfair.
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