Auf Schienen in den Abgrund: Warum Beholder: Conductor moralisch entgleist
In diesem düsteren Prequel der Beholder-Reihe schlüpfen wir in die Rolle eines Zugbegleiters im totalitären Staat. Ein beklemmendes Kammerspiel, das uns erneut vor die Frage stellt: Wie viel Menschlichkeit ist uns unser eigenes Überleben wert?
Das „Beholder“-Franchise hat sich einen Namen gemacht, indem es uns in die Rolle von Handlangern eines totalitären Regimes zwang. Wir waren Hausmeister, wir waren Spitzel, wir waren Rädchen im Getriebe einer Maschine, die Menschenleben zermalmt. Mit „Beholder: Conductor“ verlagert Entwickler Alawar das Szenario nun auf die Schienen. Wir sind ein Zugbegleiter auf einer transkontinentalen Reise, bewaffnet mit einem Notizblock, einer Kamera und dem Auftrag, jeden Passagier zu überwachen.
Ein Kammerspiel auf Rädern
Das Setting ist brillant gewählt. Ein Zug ist der Inbegriff von Isolation; man kann nicht fliehen, man ist den Blicken der anderen ausgeliefert. Als Conductor ist es meine Aufgabe, die Passagiere zu beobachten, ihre Abteile zu durchsuchen und Berichte an das Ministerium zu schreiben. Das Spielprinzip bleibt der Serie treu: Wir balancieren zwischen der Loyalität zum Staat, dem eigenen Überleben und dem (manchmal vorhandenen) Rest an Gewissen.
Die Atmosphäre ist dabei das stärkste Pfund des Spiels. Das monotone Rattern der Räder, das gedämpfte Licht in den Schlafwagen und die ständige Angst, dass ein Mitreisender meine Aktivitäten bemerkt, erzeugen eine Paranoia, die man in kaum einem anderen Indie-Titel so intensiv erlebt. Wenn ich nachts durch die Gänge schleiche, um in einem Koffer nach verbotener Literatur zu suchen, während der Zug durch eine schneebedeckte Einöde rast, fühlt sich das Spiel fast schon wie ein psychologischer Thriller an.
Die Last der Entscheidung
Was „Beholder: Conductor“ jedoch über eine simple Simulation erhebt, sind die moralischen Dilemmata. Da ist der junge Vater, der versucht, seine Familie über die Grenze zu schmuggeln, oder die ältere Dame, die ein verbotenes Foto ihres verstorbenen Sohnes bei sich trägt. Melde ich sie? Wenn ich es tue, erhalte ich Belohnungen, die mein eigenes Überleben sichern. Wenn ich es nicht tue, riskiere ich, dass meine Vorgesetzten mich als unzuverlässig einstufen – was in dieser Welt meist mit dem Tod endet.
Hier glänzt das Spiel. Es gibt selten ein „gutes“ Ende. Jede Entscheidung fühlt sich schmutzig an. Man merkt schnell, dass man in diesem System nicht gewinnen kann; man kann nur versuchen, so wenig Schaden wie möglich anzurichten, bevor man selbst unter die Räder kommt.
Wenn die Mechanik zur Last wird
Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. Und hier muss ich als Journalist kritisch werden: „Beholder: Conductor“ leidet unter einem Pacing-Problem. Das Spiel setzt uns unter einen massiven Zeitdruck. Man muss Berichte schreiben, Abteile durchsuchen, mit Passagieren reden und gleichzeitig die Bedürfnisse der eigenen Familie im Auge behalten. Oft artet das in ein frustrierendes Trial-and-Error-Gameplay aus. Wenn ich eine wichtige Information verpasse, weil ich gerade damit beschäftigt war, einen Passagier zu beschatten, ist der Spielstand oft unwiderruflich ruiniert. Das führt dazu, dass man das Spiel öfter neu laden muss, als einem lieb ist, was die Immersion empfindlich stört.
Zudem nutzt sich die Mechanik des „Durchsuchens und Meldens“ nach etwa der Hälfte der Spielzeit ab. Die Abteile fühlen sich irgendwann alle gleich an, und die Rätsel, wie man an Informationen kommt, werden repetitiv. Man beginnt, die Passagiere nicht mehr als Individuen mit einer Geschichte zu sehen, sondern nur noch als Datenpunkte, die man abarbeiten muss, um das nächste Level zu erreichen. Das ist zwar vielleicht ein beabsichtigter Kommentar auf die Entmenschlichung durch das Regime, spielt sich aber leider etwas zäh.
Fazit: Eine Reise, die man antreten sollte
Technisch gibt es wenig zu meckern, abgesehen von gelegentlichen Clipping-Fehlern, bei denen Charaktere in den engen Gängen des Zuges ineinander verschmelzen. Die Grafik ist zweckmäßig, aber stilistisch absolut passend, und der Soundtrack ist ein Meisterwerk der unterschwelligen Beklemmung.
„Beholder: Conductor“ ist kein Spiel für zwischendurch. Es ist ein Spiel, das an einem zerrt, das einen zwingt, in den Spiegel zu schauen und sich zu fragen: „Was würde ich tun?“ Trotz der spielmechanischen Schwächen und der gelegentlichen Frustmomente ist es ein wichtiges Werk. Es zeigt uns, dass Diktaturen nicht nur durch die großen Anführer funktionieren, sondern durch die kleinen Leute, die aus Angst oder Eigennutz wegschauen – oder eben genau hinsehen.
Wer die Vorgänger mochte, wird auch hier seine Freude (und sein Leid) haben. Wer eine entspannte Simulation sucht, sollte jedoch lieber den nächsten Bahnhof nehmen. „Beholder: Conductor“ ist ein düsterer, ehrlicher und stellenweise schmerzhafter Trip, den man so schnell nicht vergisst.
+ PRO
- +Beklemmende, dichte Atmosphäre in beengten Räumen
- +Entscheidungen mit spürbaren, oft tragischen Konsequenzen
- +Exzellentes Sounddesign, das die Paranoia perfekt untermalt
- CONTRA
- -Zeitdruck führt oft zu Trial-and-Error-Frustration
- -Wiederholung der Spielmechaniken nutzt sich gegen Ende ab
- -Technisch gelegentliche Clipping-Fehler in den Zugabteilen
FAZIT
Ein beklemmendes dystopisches Kammerspiel auf Schienen mit starker Atmosphäre, das sich aber in Trial-and-Error-Frustration und Wiederholung verliert.
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