Camping-Frust statt Roadtrip-Lust: Warum „RV There Yet?“ im Stau steht
Ein ambitionierter Indie-Simulator, der uns mit dem Wohnmobil durch die malerische Pampa schickt, dabei aber an seiner eigenen Steuerung und repetitiven Mechaniken fast verzweifelt.
Wenn man an den ultimativen Roadtrip denkt, hat man meist Bilder von Freiheit, Sonnenuntergängen und dem sanften Rauschen der Reifen auf dem Asphalt im Kopf. „RV There Yet?“, das neueste Indie-Projekt aus dem Jahr 2025, verspricht genau dieses Gefühl. Man schnappt sich ein klappriges Wohnmobil, packt die nötigsten Vorräte ein und macht sich auf den Weg durch eine prozedural generierte, aber liebevoll gestaltete Welt. Doch nach etwa zehn Stunden hinter dem virtuellen Steuer muss ich gestehen: Manchmal ist der Weg das Ziel – und manchmal ist der Weg einfach nur verdammt anstrengend.
Die Ästhetik des Unterwegsseins
Beginnen wir mit dem, was „RV There Yet?“ zweifellos richtig macht: der Atmosphäre. Der Grafikstil ist eine Augenweide. Die Entwickler haben sich für einen charmanten Low-Poly-Look entschieden, der durch eine dynamische Lichtstimmung und ein exzellentes Farbdesign besticht. Wenn die Sonne hinter den Bergen versinkt und das Licht durch die Windschutzscheibe auf das Armaturenbrett fällt, vergisst man kurzzeitig, dass man gerade eigentlich nur von Punkt A nach Punkt B fährt. Auch der Soundtrack ist ein Highlight. Die Mischung aus Lo-Fi-Beats und akustischen Gitarrenklängen fängt das Gefühl von Einsamkeit und Freiheit perfekt ein. Hier zeigt das Spiel, dass es verstanden hat, was das Genre der „Cozy Games“ ausmacht.
Wenn das Wohnmobil zum störrischen Esel wird
Doch wo Licht ist, ist leider auch Schatten – und im Fall von „RV There Yet?“ ist dieser Schatten die Steuerung. Ein Wohnmobil ist kein Sportwagen, das ist mir klar. Aber die Physik-Engine des Spiels scheint davon auszugehen, dass man ein schwimmendes Sofa auf einer Eisfläche steuert. Besonders in den kurvigen Bergpassagen wird das Fahren zur Geduldsprobe. Einmal kurz nicht aufgepasst, und man hängt an einer Leitplanke fest, die sich anfühlt, als wäre sie mit Superkleber am Fahrzeug befestigt.
Das Problem ist hier nicht der Realismusgrad, sondern die Inkonsistenz. Mal reagiert das Fahrzeug direkt, mal wirkt es, als würde das Spiel erst einmal eine Gedenksekunde einlegen, bevor es auf meine Eingabe reagiert. In einem Spiel, das zu 80 Prozent aus Fahren besteht, ist das ein massives Manko, das den Spielspaß immer wieder ausbremst.
Die Krux mit der Langeweile
Ein weiteres Thema ist das Pacing. „RV There Yet?“ möchte entschleunigen, das merkt man an jeder Ecke. Das Problem: Es gibt Momente, in denen das Spiel einfach zu wenig bietet. Die Wartungsmechaniken – Reifen wechseln, Öl prüfen, den Wassertank auffüllen – sind anfangs eine nette Abwechslung. Man fühlt sich wie ein echter Camper. Doch nach der zehnten Reparatur am Straßenrand verkommt das System zur reinen Fleißarbeit. Es gibt keine echte Herausforderung, nur eine Checkliste, die abgearbeitet werden muss.
Ich hätte mir mehr zufällige Ereignisse gewünscht. Warum begegne ich nicht öfter anderen Campern? Warum gibt es keine kleinen Nebenquests, die mich dazu zwingen, den ausgetretenen Pfad zu verlassen? Die Welt wirkt oft wie eine wunderschöne Kulisse, hinter der sich leider zu wenig Leben verbirgt. Man fährt durch atemberaubende Landschaften, aber man hat nie das Gefühl, dass man wirklich in dieser Welt interagiert.
Technische Stolpersteine
Während meiner Testphase auf dem PC stieß ich zudem auf einige Bugs, die den Spielfluss störten. Einmal blieb mein Wohnmobil an einem unsichtbaren Objekt hängen, was dazu führte, dass das Fahrzeug in einer Endlosschleife in den Himmel katapultiert wurde – ein „Space-Program“-Bug, der zwar lustig war, aber meinen Fortschritt von einer Stunde zunichtemachte. Auch die Kollisionsabfrage bei kleineren Objekten wie Zäunen oder Steinen ist oft ungenau. Manchmal fährt man hindurch, manchmal wird man abrupt gestoppt, als wäre man gegen eine Betonmauer geprallt.
Fazit: Ein schöner Ausflug mit kleinen Macken
„RV There Yet?“ ist kein schlechtes Spiel. Es ist ein Spiel mit viel Herz, einer wunderschönen Optik und einem Soundtrack, den ich mir auch privat anhören würde. Wenn man nach einem langen Arbeitstag einfach nur abschalten möchte und eine gewisse Frustrationstoleranz bei der Steuerung mitbringt, kann man hier durchaus seine Freude haben.
Doch für ein Spiel, das sich so sehr auf die Reise konzentriert, bleibt der spielerische Kern zu dünn. Es fehlt der „Drive“, der einen dazu bringt, unbedingt noch eine weitere Etappe fahren zu wollen. Wer auf der Suche nach einem entspannten Roadtrip-Erlebnis ist, sollte vielleicht auf einen Sale warten oder auf ein Update hoffen, das die Steuerung etwas präziser macht. Aktuell ist „RV There Yet?“ eher ein schöner Ausflug in die Natur, bei dem man aber leider die meiste Zeit damit verbringt, sich über den störrischen Mietwagen zu ärgern.
Für Indie-Liebhaber, die Entschleunigung suchen, ist es einen Blick wert – wer aber spielerische Tiefe und präzises Gameplay erwartet, sollte sein Wohnmobil lieber in der Garage lassen.
+ PRO
- +Wunderschöne, handgezeichnete Grafik im Low-Poly-Stil
- +Entspannender Soundtrack, der perfekt zum entschleunigten Gameplay passt
- +Überraschend tiefgründiges System für Fahrzeug-Wartung und Upgrades
- CONTRA
- -Extrem frustrierende, schwammige Lenkung des Wohnmobils
- -Zu viel „Leerlauf“ durch künstlich in die Länge gezogene Fahrten
- -Gelegentliche Bugs bei der Kollisionsabfrage in der Spielwelt
FAZIT
Ein optisch entspannender Roadtrip-Simulator, der an schwammiger Lenkung und repetitivem Gameplay scheitert.
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