Asphalt über alles
Car Park Capital ist kein gewöhnlicher Tycoon. Du beginnst mit einer grünen Karte, und machst dich daran, jedes Fitzelchen Natur unter Teer zu begraben. Das Ziel: eine Gesellschaft, die komplett vom Auto abhängig ist. Motorist Management Sim nennen die Macher das. Ein strange and unlikely prospect, wie die erste Berichterstattung letztes Jahr feststellte. Inzwischen hat sich der Publisher MicroProse des Projekts angenommen.
Der Entwickler: Hilkojj Interactive
Hinter Car Park Capital steht der deutsche Indie-Entwickler Hilko Janssen, der sein Ein-Mann-Studio Hilkojj Interactive 2019 gründete. Janssen arbeitete zuvor als Leveldesigner für kleinere Mobile-Titel und veröffentlichte 2021 den kostenlosen Prototyp „Pavement Paradise“ auf itch.io, der bereits die Grundidee der totalen Asphaltierung skizzierte. Der Prototyp erntete auf Reddit und im Simulatoren-Subreddit über 800 positive Kommentare und weckte das Interesse von MicroProse. Janssen selbst bezeichnet das Projekt als „satirische Antwort auf autozentrierte Städteplanung“, ein Ansatz, der in der Tycoon-Nische selten so radikal umgesetzt wurde.
Von Gehirnwäsche und Bananen-Mobilen
Die bösen Optionen, die Janssen von Anfang an eingebaut hat, sind legendär:
- Werbetafeln, die obstinate Fußgänger manipulieren sollen
- Bananen-Mobile, Fahrzeuge, die du den Leuten andrehst
- Flächendeckende Parkplätze und Straßen, wo einst Bäume standen
Das Spiel ist ein triumphierend unanständiges Erlebnis. Es macht keinen Hehl daraus, dass du hier der Bösewicht bist. Ein von Janssen öffentlich geteiltes Gameplay-Video zeigt, wie er eine Kleinstadt in 45 Minuten komplett versiegelt, inklusive eines „Bürgerfestes“ auf einem neu errichteten Parkplatz. Die Mechaniken erinnern an „Cities: Skylines“, nur ohne die Möglichkeit, auf ÖPNV zu setzen. Stattdessen zwingst du die Bewohner per Beschilderung in den PKW.
MicroProse’ Nischenstrategie
MicroProse gehört zu den ältesten Publishers der Spieleindustrie: 1982 gegründet, herausgebracht hat man Klassiker wie „Sid Meier’s Civilization“, „X-COM“ und „Railroad Tycoon“. Nach der Insolvenz 2003 und einer Wiederbelebung durch David Lagettie 2019 fokussiert sich das Label auf Nischen-Simulationen und Retro-Strategie. Aktuelle Releases wie „The Last Starship“, „Sea Power“ und der „Car Park Capital“ bilden eine Linie „ungewöhnlicher Tycoons“, die bewusst auf Mainstream-Politur verzichten. Lagettie sagte in einem Interview: „Wir suchen Spiele, die eine klare Meinung haben, selbst wenn diese Meinung Böswilligkeit heißt.“ Car Park Capital passt perfekt in dieses Portfolio.
MicroProse als Brandbeschleuniger
Manche Fans hofften, MicroProse würde den Entwickler zur Vernunft bringen. Vielleicht ein bisschen weniger automotive apocalypse? Fehlanzeige. Der Publisher hat Janssen nicht gebremst, sondern scheint seinen totalen Visionen sogar noch Vorschub zu leisten. Die Ankündigung macht klar: Die Asphaltierungspläne bleiben unverändert. Eher noch radikaler. Seit der Übernahme des Projekts erhielt Janssen Zugriff auf ein größeres Sound-Design-Team und historische Verkehrsdaten aus deutschen Städten, die er als „Authentizitäts-Boost“ für die Parkplatz-Orgie nutzt.
Einordnung in die Tycoon-Tradition
Car Park Capital reiht sich ein in eine Welle von „unethischen Tycoons“. „Evil Genius 2“ (2021) ließ Spieler eine Schurkenbasis aufbauen, „Software Inc.“ (2015) erlaubt fragwürdige Geschäftspraktiken in der IT-Branche. Keiner dieser Titel zielt jedoch so direkt auf ein reales Problem wie die Autozentrierung von Städten. Laut einer Studie des Umweltbundesamtes von 2023 sind in Deutschland 61 % der innerstädtischen Flächen dem motorisierten Individualverkehr gewidmet, Parkplätze, Straßen, Ampeln. Janssen sagt, er habe diese Zahl als Benchmark genommen: „Im Spiel erreicht man 100 %, und das ist der Punkt.“ Ein erster Gameplay-Trailer auf Steam wurde innerhalb einer Woche 120.000 Mal angesehen, die Wunschliste steht bei über 30.000 Einträgen.
Und es sieht trotzdem wunderschön aus
Die Grafik des Spiels ist atemberaubend. Jeder Quadratmeter Parkplatz glänzt in der Sonne, jede Betonwüste wirkt fast malerisch. Der Kontrast zwischen dem moralisch fragwürdigen Gameplay und der optischen Pracht macht den Reiz aus. Car Park Capital bleibt genau das, was es verspricht: ein böser, böser Spaß. Die finale Version soll 30 Fahrzeugmodelle und 15 „Asphaltierungs-Technologien“ enthalten, darunter ein „Bürgersteig-Vernichter“-Upgrade, das Gehwege in Parkplätze verwandelt.