Knapp daneben: Steam-Review blockiert Satire-Hit
Mehr als drei Wochen Wartezeit, obwohl interne Richtlinien nur sieben Arbeitstage vorsehen. Entwickler Paulo „Molleindustria“ Pedercini ist sauer. Sein Open-World-Satire-Spiel Future? No Thanks! sollte eigentlich erscheinen, doch Steams Inhaltsprüfer zögern den Launch hinaus. Der Grund: ein paar untexturierte Polygon-Pixel, die Gesäße und Brüste darstellen.
„Watch the sex scene? Ein Knopf soll's richten
Laut Pedercini fordern die Moderatoren einen expliziten Button, der Spieler warnt: „Hier kommt eine Sexszene“. Dabei handelt es sich laut dem Entwickler um bloße „Sekunden untexturierter Polygone“. Die Ironie: Das Spiel selbst ist eine satirische Abrechnung mit Kapitalismus und Überwachung, nackte Polygone sind eher ein optischer Gag als ein Reizmittel.
Die Faktenlage
- Spiel: Future? No Thanks! von Molleindustria.
- Problem: Steams Content-Review-Team hat das Spiel seit dem 10. April in der Prüfung, mittlerweile 24 Tage. Interne Regeln erlauben maximal sieben Werktage.
- Forderung: Angeblich soll ein Button eingebaut werden, der Spieler vor einer „Sexszene“ warnt, obwohl keine echte grafische Darstellung existiert.
- Status: Veröffentlichung vorerst gestoppt; kein neuer Termin.
Studio-Historie: Molleindustria und seine politischen Spiele
Paulo Pedercini, ein italienischer Designer und Professor am Carnegie Mellon, gründete Molleindustria 2003. Das Studio ist bekannt für pointierte Polit-Satire. Phone Story (2011) zeigte die Ausbeutung in der Smartphone-Produktion, Apple blockierte die App aus dem App Store. The McVideoGame (2006) simulierte eine Fast-Food-Kette mit Umweltverschmutzung, Tiermisshandlung und Lobbyarbeit. Oiligarchy (2008) ließ Spieler Ölkonzerne lenken, Kriege anzetteln und Regierungen korrumpieren. Unmanned (2012) kritisierte Drohnenkriegsführung durch eine Ego-Perspektive eines Piloten. Alle diese Titel wurden kontrovers aufgenommen, aber nie von Steam blockiert.
Pedercini arbeitet oft mit minimaler Grafik. Seine Polygone sind stilistisches Mittel. Future? No Thanks! ist sein erstes Open-World-Projekt. Es spielt in einer hyperkapitalistischen Zukunft, in der Arbeitslose in einer „Freizeitgesellschaft“ gefangen sind. Die nackten Polygone stellen entfremdete Körper dar, bewusst plump, um Sexualisierung zu parodieren.
Branchenkontext: Steams undurchsichtige Content-Prüfung
Valve prüft Spiele seit 2018 nach einem teils automatisierten, teils manuellen Verfahren. Entwickler berichten immer wieder von willkürlichen Entscheidungen. HuniePop (2015) wurde wegen expliziter Sexualinhalte zunächst abgelehnt, später doch zugelassen. House Party (2017) musste einen Nacktheits-Toggle einbauen. Subverse (2021) von Studio FOW erhielt eine Altersfreigabe, obwohl es härtere Szenen enthält, die Polygone von Molleindustria sind dagegen harmlos.
Der Unterschied: Pedercinis Spiel enthält keinerlei sexuelle Handlungen oder Animationen. Es sind statische, untexturierte Dreiecke, die Brustwarzen andeuten. Valve verlangt einen Warnhinweis für „Sexszenen“, eine absurde Überregulierung, die zeigt, wie inkonsistent die Richtlinien angewendet werden.
Laut einer Umfrage des Entwicklerforums Game Developers Conference 2023 gaben 38% der befragten Indie-Entwickler an, dass Steams Review-Prozess ihre Veröffentlichung verzögert habe. Bei 14% führte die Verzögerung zu Einnahmeausfällen von über 10.000 Dollar.
Das Spiel selbst: Satire statt Pornografie
Future? No Thanks! ist ein Open-World-RPG, das Spieler in eine „Post-Work“-Gesellschaft versetzt. Der Held, ein gekündigter Büroangestellter, erkundet eine Welt voller Überwachungskameras, Algorithmen und sinnloser Freizeitangebote. Die nackten Polygone begegnen dem Spieler in einer Kunstgalerie, als ironischer Kommentar zu Körperbildern im Kapitalismus.
Pedercini beschreibt die Szene als „bewusst amateurhaft, um die Absurdität von Zensurmechanismen bloßzustellen“. Das Spiel enthält keine Interaktion mit den Polygonen. Es ist reine Umgebungsgrafik. Valve verlangt jetzt trotzdem einen Warnknopf, eine Forderung, die Pedercini als „Satire auf die Satire“ bezeichnet.
Valve schweigt, Entwickler spricht Klartext
Pedercini veröffentlichte ein Statement, in dem er die Blockade kritisiert. Er betont, dass die Szene künstlerisch motiviert sei, nicht pornografisch. „Es sind 12 untexturierte Polygone auf einer Leinwand. Meine Tochter malt detailliertere Figuren“, sagte er gegenüber dem Blog Game Developer. Valve selbst hat sich nicht geäußert. Für ein Indie-Projekt, das auf Mundpropaganda angewiesen ist, ist ein unerwarteter Delay fatal, besonders wenn die Ursache auf bürokratische Willkür hinausläuft.
Ein Fall für die Schublade „Steam-Zensur“?
Dies ist nicht der erste Vorfall, bei dem Steams undurchsichtige Moderationsprozesse für Schlagzeilen sorgen. Immer wieder berichten Entwickler von uneinheitlichen Entscheidungen und fehlenden Ansprechpartnern. 2022 blockierte Valve das Spiel Active Shooter wegen Gewaltverherrlichung, ein nachvollziehbarer Schritt. Dagegen lässt es Spiele wie Rape Day (2019) nach öffentlichem Druck doch nicht zu. Die Polygon-Popor der Molleindustria sind dagegen harmlos. Ob Valve den Eiertanz auflöst oder das Spiel weiter blockiert, bleibt abzuwarten. Ein Knopf, der vor Nacktheit warnt, die kaum erkennbar ist, wirkt wie eine Parodie auf die Parodie, und enthüllt mehr über Steams Prüfprozess als über das Spiel selbst.