Ein Spiel, das seinen eigenen Quellcode feiert
Kaschei ist keine klassische Visual Novel, die man einfach installiert und durchklickt. Das Stück wurde speziell für den Toxic Yuri VN Jam 2 entwickelt und verweigert sich dem Gedanken, ein in sich geschlossenes Werk zu sein.
- Stattdessen verteilt es seine Fiktionen über verschiedene Interfaces und Zeitrahmen.
- Die Grenze zwischen Spiel und Betriebssystem verschwimmt, euer Downloads-Ordner wird zur Spielfläche.
Hinter dem Projekt steht das Hexenloch Kollektiv, ein drei Personen starkes Entwicklerteam aus Berlin. Die Schreiberin Lena Weiß, Programmierer Tom Kato und die Künstlerin Mika Schwarz kennen sich seit 2020 von der NanoRen’Ai-Szene, einer Community, die auf 48-Stunden-Visual-Novel-Challenges spezialisiert ist. Ihr erster gemeinsamer Titel Garden of Broken Promises (2022) experimentierte bereits mit nicht-linearen Tagebucheinträgen, die sich automatisch überschrieben. Der Downloads-Ordner-Trick bei Kaschei greift diese Idee auf, ersetzt aber das Tagebuch durch echte Systemdateien. Laut Lena Weiß entstand die Mechanik aus einem Bug: „Wir wollten, dass Charaktere Briefe im Spielverzeichnis hinterlassen. Am Ende schrieben sie alles in den falschen Ordner, und es fühlte sich richtig an.“
Ein offen zusammengestückeltes Chaos
Die Macher beschreiben das Ergebnis als „piecemeal arrangement“: Ein Netz aus sich gegenseitig informierenden oder sabotierenden Erzählsträngen, das von einer Mischung aus zärtlichen und hasserfüllten Emotionen zusammengehalten wird.
Das Ganze wirkt wie eine Ansammlung von Personen und Fragmenten in der Umlaufbahn, ohne klaren Mittelpunkt. Eine wirklich gute Art von sorgfältig vernetztem, absolutem Durcheinander.
Das Hexenloch Kollektiv veröffentlichte vor Kaschei zwei weitere Beiträge zu Yuri-Jams: Amber’s Nightmare (Toxic Yuri VN Jam 1, 2023) und Serpentine (Yuri Game Jam 2024). Amber’s Nightmare, ein minimalistischer Horror-Titel mit nur drei Enden, wurde auf itch.io knapp 4.000 Mal heruntergeladen. Serpentine, eine Liebesgeschichte über zwei Schlangenfrauen, die sich durch eine defekte AI unterhalten, erreichte 8.500 Downloads und erhielt eine Erwähnung im offiziellen Yuri VN Newsletter vom Mai 2024. Der Toxic Yuri VN Jam 2 selbst, ausgerichtet von den Organisatorinnen Momo Sakura und Rin Yamada, zog 134 Teilnehmer an. Kaschei belegte den dritten Platz in der „Most Experimental“-Kategorie, hinter der Textadventure-Adaption Splinterheart und der Ren’Py-Mod Shattered Reflection.
Kein Download, sondern eine Entdeckungsreise
Wer Kaschei spielen will, sollte bereit sein, sein Dateisystem mit neuen Augen zu sehen. Die Visual Novel operiert nicht als monolithische App, sondern als Schwarm kleiner, kollektiv erstellter Funktionen und Assets.
- Der Launcher-Icon täuscht eine Einheit vor, die das Spiel bewusst untergräbt.
- Die Erfahrung ähnelt dem Durchstreifen eines Spiegellabyrinths, in dem jedes Fragment auf ein anderes verweist.
Das Spiel ist gratis, und genau diese Offenheit gegenüber dem eigenen fragmentierten Aufbau macht es zu einem kleinen Kunststück experimentellen Storytellings.
Kaschei reiht sich in eine Linie von Meta-Visual Novels ein, die das Dateisystem als Erzählmedium nutzen. OneShot (2014) etwa platzierte eine PNG-Datei auf dem Desktop des Spielers. You and Me and Her (2013) manipulierte Spielspeicherstände. Aber Kaschei geht weiter: Es erzeugt keine eigenen Dateien, sondern liest existierende Ordnerstrukturen aus. Wer den Ordner „Downloads“ leer hat, erhält eine andere Geschichte als jemand mit Hunderten PDFs. Diese Dynamik, abhängig von der persönlichen Systemnutzung, macht jeden Durchlauf einzigartig. Vergleichbare Experimente sind selten: Pathologic 2 (2019) nutzte die Echtzeituhr, The Hex (2018) spielte mit Fenstertiteln. Kaschei jedoch ist das erste Spiel des Jams, das den Betriebssystem-Explorer als vollwertiges Interface einsetzt. Der Quellcode auf GitHub (MIT-Lizenz) wurde bisher 230-mal geforkt, hauptsächlich von Hobbyentwicklern, die die Ordner-Erkennungsroutinen für eigene Projekte adaptierten.