Verben als Kern des Spielgefühls
Mike Bithells Ansatz für Vampirium: 1997 ist kein Zufall, sondern Ergebnis einer langen Design-Philosophie. Sein Debüt Thomas Was Alone (2012) kam mit genau einer Mechanik aus: springen. Das Plattformspiel über anthropomorphe Rechtecke verkaufte sich über 2 Millionen Mal und erhielt einen Metacritic-Score von 78. Bithells zweites Spiel Volume (2015) setzte auf Stealth mit wenigen Werkzeugen: Schleichen, Ablenkung, Sprint. Beide Titel zeigten, dass reduzierte Aktionen nicht flache Spielerfahrung bedeuten.
- Bithell Games wurde 2012 gegründet, arbeitet mit 3-5 festen Mitarbeitern
- Frühere Titel wie Subsurface Circular (2017) und Quarantine Circular (2018) reduzierten Gameplay auf Dialogwahl und Umgebungsinteraktion
- The Solitaire Conspiracy (2020) kombinierte Kartenspiel mit narrativen Entscheidungen
Die Branche diskutiert solche Reduktion seit Jahren. Spiele wie Inside (2016) oder Limbo (2010) kamen mit Laufen, Springen und Ziehen aus. Beide erzielten über 1 Million Verkäufe. Bithells „im-slim“-Konzept greift diese Tradition auf, überträgt sie aber auf ein actionreiches Vampir-Setting, ein Bruch mit seinem bisher eher ruhigen Portfolio.
„Im-slim“ statt Feature-Flut
Bithell spricht offen über die Vorteile schlanker Mechaniken. In einem Interview mit Rock Paper Shotgun nannte er konkrete Zahlen: Jedes neue Verb in seinem System benötigt etwa zwei Wochen Implementierung, inklusive Feinschliff. In einem AAA-Titel wie Assassin‘s Creed Valhalla (2020) dauerte die Integration einer neuen Waffe laut Entwicklerangaben oft drei bis vier Monate.
- Die Verb-Liste von Vampirium: 1997 startet mit vier bis fünf Grundaktionen
- Bithell plant, nach Release kostenlose Updates mit weiteren Verben nachzuliefern
- Die Engine erlaubt dynamisches Nachladen neuer Aktionen ohne Neustart
Vergleichbare Ansätze finden sich in Hades (2020), wo Supergiant Games mit sechs Grundwaffen und wenigen Boosts arbeitete. Das Spiel verkaufte sich über 1 Million Mal in drei Monaten. Bithells Strategie zielt auf ähnliche Iterationsgeschwindigkeit: „Wenn ich ein Verb ändern will, muss ich nicht drei Dutzend andere Mechaniken neu testen“, sagte er.
Ein Vampir-Thriller mit reduziertem Werkzeugkasten
Vampirium: 1997 spielt in einer fiktiven Kleinstadt namens Raven‘s Peak, die vom Verschwinden mehrerer Teenager heimgesucht wird. Der Protagonist ist ein junger Vampirjäger, der sich in einen Vampir verwandelt, und plötzlich beide Perspektiven nutzen muss. Bithell bestätigte, dass die Verben für die menschliche und vampirische Form unterschiedlich sein werden, aber jeweils nur drei bis vier Aktionen umfassen.
- Die Handlung wird in kurzen, textbasierten Zwischensequenzen erzählt, ähnlich Subsurface Circular
- Der Soundtrack stammt von David Housden (Komponist von Thomas Was Alone)
- Erste Gameplay-Demos zeigen ein isometrisches 3D-Sichtfeld, das an Hotline Miami erinnert
Bithells Entscheidung für das Jahr 1997 ist kein Zufall. Der Entwickler nannte in einem Podcast den ersten Castlevania-Teil auf PlayStation und die Ära der frühen 3D-Spiele als Einflüsse. „Diese Spiele hatten oft nur drei Knöpfe. Aber sie fühlten sich größer an als manche heutigen Open-World-Titel“, so Bithell.
Warum weniger manchmal mehr ist
Die Diskussion um „bloated“ Spiele hat handfeste Zahlen. Cyberpunk 2077 (2020) startete mit über 100 Skill-Perks, vielen davon funktionslos oder redundant. Laut einer Analyse von Game Developers Conference 2022 verbrachten Spieler im Durchschnitt 40% ihrer Zeit mit Inventarverwaltung und Menü-Navigation. Bithells Gegenentwurf setzt auf Direktheit: Kein Inventar, keine Skill-Trees, nur die Verben.
- The Legend of Zelda: Breath of the Wild (2017) kam mit etwa zehn Kernaktionen aus, und wurde zum meistverkauften Zelda-Titel
- Mario Odyssey (2017) reduzierte die Moves auf Springen, Werfen und Drehen, plus Kopier-Fähigkeiten
- Bithells Ansatz ist radikaler: Er plant, nach Release monatlich ein neues Verb per Update einzuführen, um die Community zu überraschen
Ob die Strategie aufgeht, zeigt sich 2025. Bithell Games plant einen Early-Access-Start auf Steam für Sommer 2025, der vollständige Release für Ende 2025. Vorbestellungen laufen bereits, der Preis liegt bei 19,99 Euro.