Werbung vor dem Startschuss
Xbox testet ein Modell, bei dem Spieler vor dem Starten eines Cloud-Streams einen Werbespot sehen, als Gegenleistung für eine Stunde Spielzeit. Mitglieder des Xbox Insiders-Programms streamen so Spiele, die sie besitzen, ohne Game Pass Ultimate-Abonnement. Microsoft spricht von einer optionalen Funktion, die „Wert schaffen“ solle.
Das Problem: Nach Jahren gebrochener Versprechen und intransparenter Kommunikation wirkt der Schritt wie ein weiterer Einschnitt in die Spielerfreundlichkeit. Wer ein Spiel gekauft hat, muss nun Zeit statt Geld zahlen, ein Modell, das aus anderen Streamingdiensten bekannt ist.
Frühere Werbung war interaktiv, diese ist nur lästig
- Lizenzspiele wie Lego Star Wars oder The Incredibles banden Werbung spielerisch ein, einmal zahlen, komplettes Produkt.
- In-Game-Ads in Sportspielen oder Fortnite-Kollaborationen (etwa The Odyssey- oder Family Guy-Outfits) sind interaktiv: ignorieren oder kaufen.
- Jetzt sollen Spieler einen nicht-interaktiven, langweiligen Spot ansehen, bevor sie ein bereits gekauftes Spiel starten dürfen. Das fühlt sich an wie ein Rückschritt.
Die Industrie hat sich an Werbung gewöhnt, von TV-Unterbrechungen bis zu Produktplatzierungen. Doch bei Videospielen war Werbung bisher meist Teil des Erlebnisses, nicht eine Hürde davor.
Xbox zerstört das letzte Vertrauen
Microsofts CEO betont stets den Shareholder Value, genau das zeigt dieser Test. Aus Prime Video und Netflix kennen wir das Muster: werbefreies Abo, dann Stufen mit Werbung, später Preissteigerungen. Warum sollte Xbox anders handeln?
Die Beteuerung „Das Kernerlebnis bleibt unverändert“ klingt hohl, wenn Xbox in den letzten Jahren wiederholt Versprechen gebrochen hat. Niemand weiß, ob diese „freiwillige“ Werbung nicht bald Pflicht wird, sobald Abonnentenzahlen stagnieren. Spieler zahlen entweder mit Geld oder mit Aufmerksamkeit, beides wird knapper.
Cloud-Gaming: Vom Projekt zum Werbeträger
Microsofts Cloud-Gaming-Dienst startete 2019 unter dem Codenamen Project xCloud als Beta für Game Pass Ultimate-Abonnenten. Die technische Basis bilden Azure-Server in 54 Regionen weltweit. Bis 2023 investierte Microsoft Berichten zufolge über eine Milliarde Dollar in die Infrastruktur.
- 2019: xCloud Beta in den USA, Großbritannien und Südkorea, nur für ausgewählte Spiele.
- 2020: Integration in Game Pass Ultimate (damals 14,99 €/Monat), Streaming auf Android.
- 2021: Erweiterung auf iOS via Browser, später auf PC und Xbox-Konsolen.
- 2022: Preiserhöhung von Game Pass Ultimate auf 16,99 €/Monat, erstes Anzeichen für Druck auf die Margen.
Der aktuelle Werbetest adressiert ein grundlegendes Problem: Cloud-Gaming ist teuer. Jede Stunde Streaming verursacht Serverkosten, Schätzungen von TechSpot zufolge 0,05–0,10 Dollar pro Spielstunde. Microsoft will diese Kosten decken, ohne das Abo günstiger zu machen. Stattdessen wird die Aufmerksamkeit der Spieler monetarisiert.
Konkurrenz: Keiner macht Werbung, noch nicht
Im Vergleich zu anderen Cloud-Diensten sticht Microsofts Ansatz hervor:
- Nvidia GeForce Now (Free-Stufe): 1-stündige Sessions, Warteschlangen, aber keine Video-Werbung vor dem Spiel. Die Free-Variante ist werbefrei, lediglich die Performance ist limitiert.
- PlayStation Plus Premium (17,99 €/Monat): Streaming von PS3-, PS4- und PS5-Titeln, null Werbung, ausschließlich abofinanziert.
- Amazon Luna: Kostenpflichtige Kanäle (Luna+ für 9,99 $/Monat), ohne Werbung. Ein werbefinanziertes Modell wurde nie getestet.
- Google Stadia (2023 eingestellt): Zeigte nie Werbung, scheiterte an fehlender Nutzerbasis und hohen Kosten.
Die einzigen Streaming-Dienste mit aktivem Werbemodell sind Netflix (Werbeschicht für 6,99 $/Monat, 2022 eingeführt) und Disney+ (Werbeschicht für 7,99 $/Monat). Dort zahlen Nutzer weniger, akzeptieren non-interaktive Spots. Xbox bietet keine Reduktion des Abopreises, nur den Zugang zu bereits gekauften Spielen.
Insider-Programm und die Geschichte gebrochener Versprechen
Das Xbox Insider Program existiert seit 2014 und zählt laut Microsoft über 10 Millionen Teilnehmer. Es diente bisher zum Testen von System-Updates, Features und Spiele-Builds. Der Werbetest läuft nur für eine kleine, nicht näher bezifferte Gruppe, typisch für Microsofts schrittweise Einführung.
Dabei hat Microsoft in der Vergangenheit mehrfach klare Absagen an aggressive Werbung gegeben:
- 2013: Phil Spencer verspricht „keine Werbung auf dem Xbox-Dashboard“, kurze Zeit später erscheinen dennoch gesponserte Kacheln.
- 2017: Game Pass wird als „werbefreie Zone“ beworben, heute sehen Abonnenten Ingame-Werbung in Forza Horizon 5 (Auto-Marken) und Halo Infinite (Shop-Vorschläge).
- 2020: Cloud-Gaming sei exklusiv für Ultimate, nun wird es gegen Werbung auch für Nicht-Abonnenten geöffnet.
Solche Brüche nähren die Skepsis. Aktuelle Abonnentenzahlen: 34 Millionen Game Pass-Nutzer (Stand Februar 2024, offizielle Angabe). Das Wachstum stagniert, im Vorquartal waren es 33 Millionen. Werbung als zusätzliche Einnahmequelle könnte den nächsten Quartalsbericht aufhübschen, bevor der nächste große Titel (etwa Call of Duty nach der Activision-Übernahme) neue Abos bringt.
Fazit in einem Fakt
Der Test wirkt wie das Vorspiel zu einem mehrstufigen Modell: erst optional, dann günstigeres Werbe-Abo, schließlich Pflicht für bestimmte Spiele. Microsoft hat Erfahrung mit solchen Eskalationen, das Xbox Live Gold-Abo war anfangs werbefrei, bekam später gesponserte Inhalte und kostet heute 9,99 € pro Monat. Wer glaubt, diese Werbung bleibe freiwillig, sollte sich die Preisentwicklung von Netflix seit 2011 ansehen: damals 7,99 $ ohne Werbung, heute 15,49 $ mit Werbung als günstigster Stufe.