Was hat Microsoft da ausgeheckt?
Laut einem Bericht von Destructoid möchte Xbox ein Modell einführen, bei dem Spieler Werbung ansehen müssen, um ein Spiel per Cloud streamen zu dürfen, ein Spiel, das sie längst besitzen. Eine offizielle Bestätigung von Microsoft liegt noch nicht vor, aber die Idee sorgt bereits für Stirnrunzeln.
Bisher gibt es nur die Schlagzeile und den kurzen Hinweis „What is going on here?“. Dennoch ist das Konzept klar: Wer seine bereits erworbene Bibliothek von unterwegs oder auf schwacher Hardware nutzen will, soll dafür mit Werbezeit bezahlen.
Technische Basis von Xbox Cloud Gaming
Seit 2021 streamt Microsoft Spiele über xCloud auf Browser, Handy und PC. Die Serverfarmen nutzen maßgeschneiderte Xbox Series X Hardware, laut Microsoft über 300.000 Einheiten in Azure-Rechenzentren (Stand 2022). Aktuell liefert der Dienst 1080p bei 60 fps, 4K-Streaming ist angkündigt aber noch nicht ausgerollt. Der Zugang ist exklusiv im Game Pass Ultimate enthalten, der in Deutschland 14,99 Euro pro Monat kostet. Ohne dieses Abo ist Cloud-Streaming nicht möglich.
Microsoft betreibt die Infrastruktur in 28 Regionen weltweit. Jede Streaming-Session belegt eine komplette Server-Xbox, was hohe Betriebskosten verursacht. Ein werbefinanziertes Modell könnte diese Kosten decken, ohne dass der Nutzer ein Abo abschließt. Allerdings würde Werbung vor Spielstart die Spielzeit verkürzen und potenziell mehr Serverlast erzeugen (kürzere Sessions, häufigere Neustarts). Der Test müsste zeigen, ob das wirtschaftlich aufgeht.
So könnte das System funktionieren
- Der Spieler besitzt ein digitales oder physisches Spiel (z. B. Starfield oder Forza Motorsport).
- Er möchte es über Xbox Cloud Gaming streamen, etwa auf dem Handy oder einem alten Laptop.
- Statt eines zusätzlichen Abos oder einer Einmalzahlung müsste er vor dem Start eine Werbeeinheit abspielen.
- Eventuell gibt es gestaffelte Optionen: kürzere Werbung für kürzere Sessions oder längere Blöcke für ganze Spieltage.
Das klingt nach einer Mischung aus werbefinanziertem Free-to-Play und dem alten Bezahlfernsehen, nur mit dem Unterschied, dass man das Produkt bereits gekauft hat.
Frühere Experimente und der Markt für Werbemodelle
Microsoft hat bereits mehrfach ungewöhnliche Preismodelle ausprobiert. 2018 startete Xbox All Access, ein Leasing-Programm für Konsole inklusive Game Pass, das monatliche Raten statt Einmalkauf vorsieht. 2023 erhöhte Microsoft die Game-Pass-Preise: Ultimate stieg von 12,99 auf 14,99 Euro, der Umsatz pro Nutzer wuchs leicht, aber die Abonnentenzahl stagnierte bei rund 34 Millionen (Q4 2023). Ein werbefinanzierter Cloud-Zugang könnte neue Einnahmen generieren, ohne die Abo-Zahlen direkt zu gefährden.
Im Mobile-Gaming finanzieren sich 95 Prozent der Spiele durch Werbung oder In-App-Käufe (Newzoo 2024). Auf PC und Konsole ist Werbung vor Spielstart selten. Ausnahmen sind Free-to-Play-Titel wie Call of Duty: Warzone, die optionale Werbevideos laden, oder Fallout Shelter mit optionalen Werbebonussen. Kein größerer Cloud-Gaming-Anbieter, weder Nvidia GeForce NOW noch Amazon Luna, verlangt bislang Werbezeit für den Zugriff auf bereits gekaufte Spiele. Microsofts Modell wäre ein Novum.
Das Werbenetzwerk Microsoft Advertising erzielte 2023 einen Umsatz von 12,5 Milliarden US-Dollar. Ein neuer Werbekanal über Cloud-Gaming könnte dieses Geschäft stärken. Allerdings ist die Akzeptanz von Werbung in Premium-Kontexten gering: Als Netflix 2022 ein werbefinanziertes Abo einführte, wählten nur 5 Prozent der Bestandskunden das günstigere Modell (Stand Q2 2023). Microsofts Experiment könnte ähnlich scheitern.
Warum das für Diskussionen sorgt
- Viele Spieler empfinden es als Zumutung, für etwas zu zahlen, das ihnen schon gehört, selbst wenn es in Form von Zeit statt Geld passiert.
- Cloud-Streaming verbraucht Bandbreite und Serverkapazität, doch Microsofts Game Pass Ultimate kostet bereits ca. 15 Euro im Monat. Werbung als zusätzliche Hürde wirkt kleinkariert.
- Andererseits könnte das Modell Cloud-Gaming für Nutzer öffnen, die kein Abo wollen, aber bereit sind, sich hin und wieder einen Werbespot anzusehen.
Ob das Experiment die Akzeptanz von Cloud-Gaming steigert oder die Geduld der Spieler überstrapaziert, wird sich zeigen. Microsoft hat in der Vergangenheit schon mit ungewöhnlichen Preismodellen experimentiert, etwa mit dem Xbox All Access Leasing-Programm. Werbung für den Zugriff auf die eigene Sammlung wäre ein neuer Tiefpunkt, oder eine clevere Nische. Beides ist möglich.